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Franz Kafka Verwandlung (Original)

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  • 8/3/2019 Franz Kafka Verwandlung (Original)

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    F R A N Z K A F K A

    V E R W A N D L U N G

    Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Trumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu

    einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rcken und sah,

    wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewlbten, braunen, von bogenfrmigen Versteifungen

    geteilten Bauch, auf dessen Hhe sich die Bettdecke, zum gnzlichen Niedergleiten bereit, kaum

    noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang klglich dnnenBeine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

    Was ist mit mir geschehen? dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas

    zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wnden. ber dem Tisch,

    auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war Samsa war

    Reisender , hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und

    in einem hbschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die, mit

    einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasass und einen schweren Pelzmuff, in dem

    ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.

    Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trbe Wetter man hrte Regentropfen auf

    das Fensterblech aufschlagen machte ihn ganz melancholisch. Wie wre es, wenn ich noch ein

    wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergsse, dachte er, aber das war gnzlich

    undurchfhrbar, denn er war gewhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in

    seinem gegenwrtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die

    rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rckenlage zurck. Er versuchte es wohl

    hundertmal, schloss die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu mssen, und liess erst ab,

    als er in der Seite einen noch nie gefhlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fhlen begann.

    Ach Gott, dachte er, was fr einen anstrengenden Beruf habe ich gewhlt! Tagaus, tagein auf der

    Reise. Die geschftlichen Aufregungen sind viel grsser als im eigentlichen Geschft zu Hause, und

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    ausserdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlsse, das

    unregelmssige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender

    menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen! Er fhlte ein leichtes Jucken oben auf dem

    Bauch; schob sich auf dem Rcken langsam nher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu

    knnen; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weissen Pnktchen besetzt war, die er nichtzu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurck,

    denn bei der Berhrung umwehten ihn Klteschauer.

    Er glitt wieder in seine frhere Lage zurck. Dies frhzeitige Aufstehen, dachte er, macht einen

    ganz bldsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie

    Haremsfrauen. Wenn ich zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurckgehe, um die

    erlangten Auftrge zu berschreiben, sitzen diese Herren erst beim Frhstck. Das sollte ich beimeinem Chef versuchen; ich wrde auf der Stelle hinausfliegen. Wer weiss brigens, ob das nicht

    sehr gut fr mich wre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurckhielte, ich htte lngst

    gekndigt, ich wre vor den Chef hingetreten und htte ihm meine Meinung von Grund des

    Herzens aus gesagt. Vom Pult htte er fallen mssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das

    Pult zu setzen und von der Hhe herab mit dem Angestellten zu reden, der berdies wegen der

    Schwerhrigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muss. Nun, die Hoffnung ist noch nicht gnzlich

    aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen es

    drfte noch fnf bis sechs Jahre dauern , mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der grosse

    Schnitt gemacht. Vorlufig allerdings muss ich aufstehen, denn mein Zug fhrt um fnf.

    Und er sah zur Weckuhr hinber, die auf dem Kasten tickte. Himmlischer Vater! dachte er. Es

    war halb sieben Uhr, und die Zeiger gingen ruhig vorwrts, es war sogar halb vorber, es nherte

    sich schon drei Viertel. Sollte der Wecker nicht gelutet haben? Man sah vom Bett aus, dass er auf

    vier Uhr richtig eingestellt war; gewiss hatte er auch gelutet. Ja, aber war es mglich, dieses

    mbelerschtternde Luten ruhig zu verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber

    wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nchste Zug ging um sieben Uhr; um

    den einzuholen, htte er sich unsinnig beeilen mssen, und die Kollektion war noch nicht

    eingepackt, und er selbst fhlte sich durchaus nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst

    wenn er den Zug einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der

    Geschftsdiener hatte beim Fnfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versumnis lngst

    erstattet. Er war eine Kreatur des Chefs, ohne Rckgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich

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    krank meldete? Das wre aber usserst peinlich und verdchtig, denn Gregor war whrend seines

    fnfjhrigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiss wrde der Chef mit dem

    Krankenkassenarzt kommen, wrde den Eltern wegen des faulen Sohnes Vorwrfe machen und

    alle Einwnde durch den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, fr den es ja berhaupt

    nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und htte er brigens in diesem Falle so ganzunrecht? Gregor fhlte sich tatschlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich

    berflssigen Schlfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen besonders krftigen Hunger.

    Als er dies alles in grsster Eile berlegte, ohne sich entschliessen zu knnen, das Bett zu verlassen

    gerade schlug der Wecker drei Viertel sieben , klopfte es vorsichtig an die Tr am Kopfende

    seines Bettes. Gregor, rief es es war die Mutter-, es ist drei Viertel sieben. Wolltest du nicht

    wegfahren? Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hrte, die wohlunverkennbar seine frhere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrckendes,

    schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte frmlich nur im ersten Augenblick in ihrer

    Deutlichkeit beliess, um sie im Nachklang derart zu zerstren, dass man nicht wusste, ob man recht

    gehrt hatte. Gregor hatte ausfhrlich antworten und alles erklren wollen, beschrnkte sich aber

    bei diesen Umstnden darauf, zu sagen: Ja, ja, danke Mutter, ich stehe schon auf. Infolge der

    Holztr war die Vernderung in Gregors Stimme draussen wohl nicht zu merken, denn die Mutter

    beruhigte sich mit dieser Er klrung und schlrfte davon. Aber durch das kleine Gesprch waren

    die anderen Familienmitglieder darauf aufmerksam geworden, dass Gregor wider Erwarten noch

    zu Hause war, und schon klopfte an der einen Seitentr der Vater, schwach, aber mit der Faust.

    Gregor, Gregor, rief er, was ist denn? Und nach einer kleinen Weile mahnte er nochmals mit

    tieferer Stimme: Gregor! Gregor! An der anderen Seitentr aber klagte leise die Schwester:

    Gregor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas? Nach beiden Seiten hin antwortete Gregor: Bin

    schon fertig, bemhte sich, durch die sorgfltigste Aussprache und durch Einschaltung von langen

    Pausen zwischen den einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu nehmen. Der Vater

    kehrte auch zu seinem Frhstck zurck, die Schwester aber flsterte: Gregor, mach auf, ich

    beschwre dich. Gregor aber dachte gar nicht daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen

    her bernommene Vorsicht, auch zu Hause alle Tren whrend der Nacht zu versperren.

    Zunchst wollte er ruhig und ungestrt aufstehen, sich anziehen und vor allem frhstcken, und

    dann erst das Weitere berlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett wrde er mit dem Nachdenken

    zu keinem vernnftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon fters im Bett irgendeinen

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    vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich

    dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine

    heutigen Vorstellungen allmhlich auflsen wrden. Dass die Vernderung der Stimme nichts

    anderes war als der Vorbote einer tchtigen Verkhlung, einer Berufskrankheit der Reisenden,

    daran zweifelte er nicht im geringsten.

    Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig aufzublasen und sie fiel

    von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig, besonders weil er so ungemein breit war. Er htte

    Arme und Hnde gebraucht, um sich aufzurichten, statt dessen aber hatte er nur die vielen

    Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und die er berdies nicht

    beherrschen konnte. Wollte er eines einmal einknicken, so war es das erste, dass er sich streckte;

    und gelang es ihm endlich, mit diesem Bein das auszufhren, was er wollte, so arbeiteteninzwischen alle anderen, wie freigelassen, in hchster, schmerzlicher Aufregung. Nur sich nicht im

    Bett unntz aufhalten, sagte sich Gregor.

    Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Krpers aus dem Bett hinauskommen, aber dieser

    untere Teil, den er brigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte

    Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er