Mary Summer Rain_Der Phoenix erwacht

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Die alte Indianerin No-Eyes erzàhlt Mary Summer Rain:Das Folgende bezieht sich unmittelbar auf die bevorstehenden Veränderungen. Esist von größter Wichtigkeit, weil das, was heute geschieht, einbezogen wird in dieWelt der bewußtseinserhellenden Lehren und dem damit einhergehenden Willen,geistige Erkenntnis zu erlangen, um menschliches Mitgefühl und Weltfrieden zuerreichen.

Text of Mary Summer Rain_Der Phoenix erwacht

Der Phoenix erwacht von Mary Summer Rain, 1987Einleitung Es gibt Skeptiker. Es gibt Zweifler. Und es gibt solche, die lieber eine rosarote Brille aufsetzen. Denen habe ich nichts zu sagen, denn sie haben ihre Wahl getroffen, obwohl die Zeichen unbersehbar sind. Und es gibt solche, die staunen. Es sind Menschen, die ein zartes Rhren spren. Es gibt aber auch solche, die jene wunderbare Schwelle der Erkenntnis berschritten haben ganz im Begriff sind, das wahrzunehmen, was wirklich zu sehen ist. Diesen sage ich: ffnet eure hervorragenden Sinne. Schaut mit Klarheit, was darber und darunter, was innen und auen ist. In diesen bevorstehenden kritischen Zeiten hrt und achtet auf die Weisungen eures Geistes, der die erhabene Weisheit in sich trgt, die ihr gerade jetzt vernehmt. Es gibt indessen solche, die wissen. Menschen, die in ihren empfindsamen Herzen sehen, fhlen und erkennen, was es zu sehen gibt. Solche, die durch ihr kostbares Erbe zu stillen Bewahrern wurden fr das, was sein wird. Denen habe ich nichts zu sagen, da sie bereits die Worte kennen alte Worte der Weisheit, welche ewig und rein im Raum standen, seit sie geschaffen wurden, und die triumphieren ber alle wsten Heimsuchungen der Zeit Vorwort der Autorin Viele Wege scheinen richtig markiert zu sein. Sie sind mit allerhand passenden Merkmalen unkenntlich gemacht, aber ein wortloses, kaum wahrnehmbares Winken fhrt uns in die umgekehrte Richtung, und wir folgen unserer inneren Eingebung. Viele Straen sind eben. Sie sind gesumt mit frisch duftenden, sich wiegenden und taugesprenkelten Blumen. Sie riechen buchstblich nach sonnenberfluteten Tlern, und sie sind mit der mystischen Essenz der Liebe angefllt, die uns vorwrts zu ziehen versucht. Sie sind nichts als meisterhafte Tuschungen. Sie sind eine List, dazu ersonnen, die unbedachte und erschpfte Seele zu verfhren. Als ich die turmhohen Wachtposten der verschneiten Rocky Mountains von Colorado erreichte, wute ich, dass ich krperlich am Ende meines Pfades angelangt war. Der Rest war anderen Mchten berlassen. Eine stille Eingebung bedeutete mir, wichtige, geistig bezogene Arbeit auszufhren. Ich sprte psychisch, eine solch unerhrte zeitliche Dringlichkeit, etwas in Angriff zu nehmen aber ich wute nicht, was ich tun sollte. Die unvermeidlichen Zeichen irdischen Zerfalls leuchteten rund um mich herum auf wie Neonwarnlichter. Ich konnte deutlich sehen, wie sie sich mit dem Ticken der Zeit vermehrten, aber ich blieb eingesperrt in der dunklen Leere eines einengenden Kerkers, ohne fhig zu sein, mich mit meinem unbekannten geistigen Vorhaben vorwrts zu bewegen. Ich wurde immer unruhiger in dieser schrecklich entmutigenden Lage. In meinem Herzen wute ich durch die Art, wie die mystische Essenz der Berge mein Wesen durchdrang und meinen Geist verzehrte, da ich mich tatschlich in der richtigen geographischen Region befand, jedoch war ich wie ein einsames Schifflein mit schlaffen Segeln auf einem spiegelglatten, geistigen Meer endlos dahintreibend. Ich brauchte irgendeinen intensiven Ansto, um Leben in meinen herumirrenden Geist einzuhauchen und ihn endlich an die Landungsstelle, dem vorgesehenen Ziel meines Weges zu treiben. In einem Augenblick abgrundtiefer Verzweiflung fuhrt ich weit hinauf in die unberhrte Stille des Pike National Forest. Ich verlie meinen alten Lieferwagen und wand mich zu Fu durch die ppige Tiefe des wuchernden grnen Waldes. Die unschuldige Schnheit nahm mich auf, so wie ich war. Ich wurde von tiefem Trost

erfllt, der sich mit jedem Schritt vergrerte. Meine Seele fllte sich. Sie flo ber. Und ich weinte. Heftige Schluchzer durchdrangen die schimmernde, grne Stille, Ich weinte aus tiefer Verzweiflung, wegen der Jahre der Einsamkeit, aus dem Gefhl der Dringlichkeit und nichts dagegen tun zu knnen. Ich weinte um die unwissenden Menschen, um die unverbesserlichen Unglubigen und um die Welt. Und ich weinte um mich selber. Pltzlich kroch eine wohlbekannte Erregung langsam meinen Rcken hoch und eiskalte Fingerngel lieen jedes Haar in meinem Nacken sich aufrichten. Mein Kopf schwirrte. Ich war nicht mehr allein. Meine so sehr geschtzte Einsamkeit war durch einen unbekannten Eindringling zerstrt worden. Mein Verstand sagte mir, da in der abgeschiedenen Gegend dieser Wlder sich unmglich jemand aufhalten konnte, aber mein Radar schien auer Kontrolle geraten und piepste wie wild. Vorsichtig hob ich den Kopf und blickte durch meine Finger. Und da stand unweit von mir eine alte runzlige Frau. Seltsam. Sie beobachtete mich blo. Mit kohlschwarzen Augen, die meine Seele zu durchbohren schienen, starrte sie mich unbewegt an. Angespannt erwiderte ich den Blick. Ihre Gestalt stand reglos zwischen den Kiefern sie lauschte. Die dunklen Seen ihrer Augen schienen wie glitzerndes Quecksilber zu glnzen. Mein Hirn raste wie verrckt durch seine Datenbank. Dies war etwas neues fr mich. Etwas verlegen rieb ich mir die Augen und hob den Kopf, um dem ungebetenen Eindringling zu begegnen. Die Alte sprach in dem unerwartet gesetzten Ton einer Autoritt. Sie teilte mir mit, da sie in einer nahe gelegenen Htte wohne. Ich entschuldigte mich rasch fr mein unbefugtes Betreten ihres Privatgrundes und wandte mich um wegzugehen. Dann rief sie meinen Namen, ein Name, den sie unmglich kennen konnte. Ich erstarrte mitten im Fortgehen, und ich sprte die erregende Bewegung meines geistigen Segels, wie es sich unter einem neuen frischen Wind zu blhen begann. Mein Schiff stiee mit einem Schlag gegen die starke Antriebskraft, auf die meine erschpfte Seele ziellos zugetrieben war. Die Alte war eine Chippewa-Medizinfrau namens No-Eyes. Es war ihr bestimmt, genau in diesem Augenblick meinen Weg zu kreuzen, um ihm eine tiefere Richtung zu geben nach innen. Rechtzeitig knpften wir beide ein unzerreibares Band einer einzigartigen Freundschaft ber die nchsten zwei Jahre. Sie, die bedeutende, geistige Lehrerin; ich, die einfach Novizin, die verzweifelt versuchte, ihr sicheres und unvergleichliches Wissen aufzunehmen. Wir verbrachten unsere Tage der Unterweisung in der gemtlichen Stube ihrer krglichen Htte. Der Wechsel der Jahreszeiten hielt mich nicht von meinen regelmigen Besuchen ab. Der rauhe Winterwind heulte oft wie ein wild gewordener Todesbote und schleuderte Massen von schwerem Schnee gegen die klirrenden Fenster; drinnen wrmten wir uns an einem prasselnden Feuer und genossen unsere ungezwungene Beziehung. Der Frhling brachte unbeschwerte Freudengre aus dem Wald, wo Leben rund um uns hervorspro. Der Sommer gab uns manche frohe Gelegenheit, unsere anspruchsvollen Lektionen in der warmen Sonne im Freien abzuhalten. Und im Herbst gingen wir ber das frisch gefallene Espenlaub und lieen die Natur in ihrer goldenen Verschlafenheit uns ein einstweiliges Lebewohl sagen vor ihrem letzten Versinken in den Winterschlaf. Wir sprachen ber das gewhnliche tgliche Leben. Wir erlebten zusammen mystische Reisen durch Zeit und andere, neue enthllte Dimensionen. Manchmal legten wir eine Pause ein, und in spielerischer Laune lieen wir unseren Geist dem

des kraftvollen, anmutigen Falken folgen auf seinem ruhigen Flug durch die ppigen Bergtler. Wir teilten dieses Leben zwei Jahre miteinander. Danach kehrte sie in ihr Geburtsland zurck, zum zu sterben. In jener herrlichen Zeit, die ich mit meiner Freundin No-Eyes verbrachte, redeten wir ber vielerlei wunderbare Dinge. Sie war ein Hort von Logik. Sie war eine Burg von Weisheit. Aber kein Thema war ihr wichtiger und drngte sie mehr zu enthllen als das, was sie das Erwachen des Groen Phnix nannte. Es war ein Thema, das fortwhrend meine uerste Aufmerksamkeit verlangte. Die Tage dieser Lektionen ber den Phnix waren fr mich sehr schwer auszuhalten. Sie war immer von groem Ernst erfllt. Ich hatte das Thema nicht gern, da es so niederdrckend war, und doch wute ich, da mein Zuhren fr sie lebenswichtig war. Ich mute die Warnsignale kennenlernen, die letzten Zeichen einer Welt im Wandel, die Zeichen des erwachenden Phnix. Dieser Text wurde 1984 geschrieben. Ich bedaure, da aus jenseits meiner Kontrolle liegenden Grnden dieses zeitgeme Buch mit Verzgerung die ffentlichkeit erreicht. Daher erachte ich es als uerst wichtig, da die Leser von Der Phnix erwacht sich bewut sind, da der gesamte Inhalt dieses Buches eine gewissenhafte Wiedergabe der Gesprche ist, wie sie 1982 stattgefunden haben. Ich bin daher sehr betrbt, da verschiedene Zukunftsvisionen der Alten bereits Wirklichkeit geworden sind in der langen Zwischenzeit von der Niederschrift des Manuskripts bis zum lngst erwarteten Erscheinungsdatum. Ich kann nicht ndern, worber ich keine Kontrolle hatte. Als der katastrophale Reaktorunfall in Tschernobyl passierte, war ich verzweifelt darber, da man nun vielleicht dieses Buch als nach dem Ereignis geschrieben betrachten knnte. Dennoch habe ich den Originaltext aus tiefer Ehrerbietung fr meine geliebte Visionrin unverndert belassen genau, wie er 1984 aufgezeichnet worden war. Und ich mchte darum hoffen und beten, da No-Eyes makellose Glaubwrdigkeit nur verstrkt wird durch diese unglckliche Verzgerung bei der Publikation ihrer zeitbezogenen Worte der Weisheit. Es tut mir leid, No-Eyes, du weit, ich tat mein Bestes, um die Menschen zur rechten Zeit zu erreichen. Mary Summer Rain, 1987 Kapitel 1 - Kontraktionen Kontraktionen Die Erde chzt unter der Oberflche des Landes. Sie chzt unter den schweren Kontraktionen neuer Wehen von Mutter Erde. Ich liebte die schnen Tage mit No-Eyes. Ich liebte die Alte. Ihr langes, graues Haar war immer fein suberlich im Nacken ihres dnnen Halses mit einer Lederschnur zusammengebunden, und ein dicker Zopf hing bis zu ihrer Hfte hinunter. Sie trug alte, bedruckte Baumwollrcke, die bis zur Mitte der Wade reichten. Ihre durchlcherten schwarzen Strmpfe waren berall gestopft. Und sie schlurfte in wunderschn mit Glasperlen bestickten Mokassins herum. Sie war wirklich ein komischer Anblick mit ihren Zahnlcken und den riesigen, kohlschwarzen blinden Augen; aber fr mich war sie hinreiend, da ihre mystische Weisheit hell leuchtete und mit ihrem grenzenlosen Mitgefhl sich nur ihre tiefe Liebe zu allem Lebenden

messen konnte. Es war Herbst. Ich liebte auch den Herbst. Es war die Zeit, da die ganze Natur sich in schreiende Farben kleidete, um noch einmal beachtet zu werden, bevor sie fr eine Weile aus dem Rampenlicht abtrat. Die Intensitt der pulsierenden Farben durchdrang meine Sinne mit einer Klarheit, scharf wie eine Klinge. Die Espen deckten die weiten, tief abfallenden Berghnge mit einer herrlich bestickten Decke in Gelb und lebhaftem Orange zu. Und die im Westen sich neigende Sonne vergoldete die gezackten Rnder jedes einzelnen Blattes. Die klare Luft war erfllt von einer khlen, neuen Frische, die das Holzsammeln ankndigte. Und der herbe Duft von wirbelndem Holzrauch fllte mein ganzes Wesen. Ich dachte an all diese erfreulichen Eigenschaften des Herbstes, als ich mich unbeschwert auf den Weg zur Htte meiner lieben Freundin machte. Und ich war von einem inneren Frieden erfllt, der weit jenseits einfacher Beschreibung lag. Ich war reich. Ich hatte das Ziel meiner langen Suche erreicht und eine wunderbare alte Frau gefunden, die mir bereitwillig alles beibrachte, was sie wute. Ich war reich durch die magischen Facetten der unendlichen Schnheit der Jahreszeiten in den Rocky Mountains. Ich war auch reich durch die unverbrchliche Kameradschaft meines Mannes, Bill, der getreu den langen und trgerischen Weg an meiner Seite gegangen war. Und meine drei Mdchen waren glckliche und gesunde Wesen, die glaubten und sich an der Unberhrtheit der Natur erfreuten. Ja, all diese Dinge erfllten meinen Geist und verliehen meinem Leben einen bleibenden Sinn. Als ich die Strae zum Haus meiner Freundin erreichte, barst ich fast vor Liebe fr jedes Ding um mich herum. Ich parkte den Wagen und rannte hinauf zur kleinen Htte auf dem Hgel, wo meine unschtzbare Lehrerin hauste. Ich ffnete die Tr. No-Eyes hantierte umstndlich am Kamin. Geschftig stocherte sie mit einem alten Schrhaken unter den frisch zugelegten Scheiten. Hallo, No-Eyes, grte ich freudig aufgeregt. Stille. Ich schlo leise die Tr, durchquerte den kleinen Wohnraum und tippte ihr auf die Schulter. Ich wei, Summer ist hier, knurrte sie, ohne aufzuschauen. Was fr eine Begrung ist das? neckte ich sie und stemmte die Hnde in die Hften. Ich weicherem Ton sagte sie entschuldigend: No-Eyes tut leid. Ich war am Nachdenken, das alles. Sie legte den geschwrzten Schrhaken weg und zog ihren ramponierten Schaukelstuhl heran. Summer, nimm jetzt deinen Umhang ab. Setz dich. Die eindrckliche Aufforderung in ihrer Stimme kmmerte mich nicht, dennoch tat ich wie befohlen. Ich konnte nicht behaupten, eine perfekte Schlerin zu sein, was die Lektionen anbelangte, aber es gelang mir immer zu gehorchen. Ich nahm meinen schweren, gewebten Wollumhang ab und setzte mich ihr gegenber auf das alte, abgenutzte Sofa. Wie geht es dir heute ? Es ist wirklich ein verdammt schner Tag da drauen, rief ich berschwenglich aus. Summer nicht fluchen, gab sie gereizt zurck. No-Eyes, das kann man nicht eigentlich fluchen nennen, es ist nur eine Art der Betonung der Worte. Ein knochiger Finger schnellte auf mich zu und wurde heftig geschttelt. Keine ausgesuchten Entschuldigungen machen! Das ist trotzdem Fluchen. Oh, also gut, seufzte ich, ohne meine glnzende Laune zu verlieren. Es stimmt trotzdem, was ich gesagt habe. Bist du schon drauen gewesen ? Es ist wirklich wunderbar. Das Sonnenlicht frhmorgens auf den Espen ist ...

SUMMER ! Sie schnitt meinen Satz mit kalter scharfer Stimme ab. Ich hatte mich wieder ausgelassen ber die Schnheit des Herbstes. Und ich stellte mir vor, sie werfe mir nun vor, ich sei vllig zerstreut durch die betubende Wirkung, die der Herbst auf mich ausbte. Entferne den Holzrauch aus deinem Hirn ! Wir werden heute ernsthaft reden ! Ich wute, es war zu schn gewesen, um wahr zu sein. Sie hatte eine seltsame Art, meine angenehmen Herbsttrumereien zu vertreiben. Und ich hate es, wenn sie so todernst wurde. Entweder mute ich eine bedeutsame psychische Reise machen oder mich einer neuen so entmutigenden Welt-im-Wandel-Lektion unterziehen. Ich war offen gestanden weder fr das eine noch das andere in Laune. Warum konnten wir nicht einfach einen kleinen Spaziergang machen im Wald und ... NEIN Sie stampfte mit ihrem Fu. Summer wird ber neue Geburt von Erde hren. Summer wird ber Erscheinungen und Gerusche neuer Zeichen, die bevorstehen, hren. Mein Interesse war geweckt. Welche neuen Zeichen? fragte ich eifrig. Summer nicht unterbrechen. Summer wird hren, da Mutter Erde in schweren Wehen. Sie wird ein groes Ding gebren. Die ersten Stunden der Wehen haben bereits angefangen. Es wird nun sehr weh tun. Ich beugte mich vor. Was ist dieses groe Ding? Worber sprichst du ? Stille. Darauf begann der Schaukelstuhl wieder zu rumpeln und quietschen, wie immer, wenn sie ber etwas erregt war, oder immer wenn sie von mir erwartete, da ich die einleuchtenden Antworten auf meine eigenen unntigen Fragen selber hervorbrachte. Ich dachte nach zum rhythmischen Takt des Schaukelstuhls. "Die Vernderungen. Du sprichst ber die entscheidenden Vernderungen der Erde. Rumpel-quietsch. Rumpel-quietsch. Ein schwerwiegender Gedanke glitt unbewut durch meinen Geist. No-Eyes, gibt es da mehr, als was wir frher zusammen sahen? Rumpel-quietsch. Mit ihren blinden Augen musterte sie nachlssig die rauchgeschwrzte Decke und klopfte mit ihren Fingern rhythmisch auf ihre Knie. Da gibt es mehr! Du hast mir nie gesagt, da da noch mehr sein knnte! Ich war gleichzeitig berrascht und verletzt. Wir hatten die Vernderungen der Erde frher besprochen, und sie hatte mir nie angedeutet, da noch anderes kommen wrde. Ihr Blick bewegte sich von der Decke weg, um sich in meinen zu bohren. Summer nie gefragt, antwortete sie mit berechneter Sanftheit. Ich wute nicht, dass ich fragen sollte! Sie zuckte die Achseln und machte eine wegwerfende Gebrde. Ja, nun, Summer, frher nicht rechte Zeit dazu. Jetzt ist richtige Zeit. Dies schien so selbstverstndlich. So einfach. Keines von beidem traf zu. Ich wollte nichts mehr von den negativen Dingen hren, die auf die Menschheit zukamen. Ich hatte schon genug von den zuknftigen Szenen gesehen und hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der Film sein wrde. Ich wurde von einem schrecklich niederdrckenden Mitgefhl fr die Menschheit geqult, besonders fr jene, welche die Warnungen nicht hren oder den Zeichen nicht glauben wollten. Es war ein so herrlicher Tag, ich wollte nur in den Wldern spazieren und ihre Atmosphre mit meinen empfnglichen Sinnen aufnehmen. Ich seufzte und schickte mich in die Schwere ihrer folgenden Worte. Das ist besser. Summer will nicht hren. Summer hrt trotzdem zu. Sie streckte ihren Kopf in einer fragenden Haltung vor. Wie soll Summer Zeichen erkennen, wenn ich nicht sage ?

Mir war dies zuwider. Ich werde sie verstehen und auerdem sind sie schon da. Pah! platzte sie heraus und wedelte mit den Hnden in der Luft. Das ist nichts, das sind nur harmlose Dinge. Summer wird jetzt alles hren. Summer wird den Leuten erzhlen, was sie sehen, und sie hren werden! Ich war nicht begeistert ber ihre Idee. No-Eyes, seufzte ich erneut, ich lasse dich ungern mit deiner show im Regen stehen, aber ich habe dir schon frher gesagt, da die Leute nicht zuhren; sie hren nur, was sie hren wollen. Das war eine sehr abgedroschene Antwort. Was ist mit deiner show? fragte sie mich mit einem Stirnrunzeln. Das ist nur eine Redeweise. Es bedeutet, da ich sehr ungern deine rhmliche Idee, die Leute zu warnen, zunichte mache, aber ... Der Schaukelstuhl kippte pltzlich vornber, als sie ihren zerbrechlichen Krper streckte und den Hals nach vorne bog. Summer macht berhaupt nicht zunichte hier, drohte sie sanft. Summer erzhlt die Dinge, das ist alles. Wird einfach sein. Der Stuhl quietschte unberechenbar. Sie hatte gesprochen. Wir waren offenbar wieder einmal uneinig, wie so oft. Sie fuhr mit ihrem hektischen Rumpeln und Quietschen fort. Ich versuchte, unsere Sackgasse zu umgehen. Hr zu, es tut mir leid. Ich werde also deine Zeichen weitergeben. Ich werde meinen Teil beitragen. Was aber, wenn niemand zuhrt oder glaubt? Wozu war dann das Ganze berhaupt ? Ich werde nur dastehen wie eine finstere, trbsinnige Unheilsverknderin. Stille. Nun? Wird es nicht so aussehen? drngte ich. Rumpel-quietsch. Rumpel-quietsch. Das war genug. Meine Geduld war zu Ende. Bitte, No-Eyes! Hr bitte auf mit diesem verdammten Schaukeln und antworte mir! Stille. Langsameres Schaukeln. Ich seufzte und hing geschlagen in dem unebenen Sofa. Sie konnte zeitweise verdammt aufreizend sein. Dann flsterte eine sanfte Stimme durch dnne Lippen. Ich werde nicht ber die Dinge reden, wenn Summer flucht, schmollte sie. Oh Gott, sie war so empfindlich. Also gut, es tut mir leid, da ich geflucht habe, aber bitte antworte mir, wenn ich dich etwas frage, No-Eyes, flehte ich. Es ist so schwer, ein vernnftiges Gesprch mit dir zu fhren, wenn du mit Schweigen antwortest. Ich bin bereit, dir zuzuhren, aber ich bin zu mde fr weitere solcher Spiele. Mmh! Keine Spiele hier. Summer soll Dinge ausdenken. Ich werde nicht fr immer dasein, um zu antworten. Ich wei das, aber knnten wir uns heute nicht einfach nur vertragen? Sie klopfte mit einem breiten Grinsen auf ihr Knie. Ja! Wir vertragen uns und machen jetzt mit der Sache weiter. Erleichterung. Ich machte es mir bequem. Das Sofa war alt und uneben vom Gebrauch der vielen Jahre, aber ich setzte mich auf eine bestimmte Stelle, die fast ohne Beule war. Ich lie mich hinein fallen und bereitete mich auf einen sehr langen und niederdrckenden Tag vor. Die alte Frau zog ihren Stuhl nher an das Sofa heran und sa ganz ruhig. Sie tat dies fters, um in meinen Kopf hineinzukommen und festzustellen, ob ich wirklich bereit war, gut zuzuhren. Dann fate sie meine Hand.

Ich beugte mich vor und hielt ihre knochigen Finger. Ich war ganz Ohr. Summer, ich werde ber ernste Dinge reden hier. Ich kann nicht ber alles an einem Tag sprechen. Wir brauchen sogar viele Tage. Das ist eine groe, lange Lektion. Ich hatte mich endlich abgefunden mit der bedrckenden Lektion und ich sagte ihr, da ich begriffen hatte. Ich wei, No-Eyes, und es wird mir klar, da es sehr viel mehr geben mu, worber wir noch nicht gesprochen haben hinsichtlich der entscheidenden Jahre. Du kannst auf mich zhlen, ich werde aufmerksam zuhren. Sie ttschelte meine Hand. Summer mu mehr tun als zuhren. Summer mu sich erinnern. Summer mu gengend in Erinnerung behalten, um den Menschen ber alle Zeichen hier zu berichten. Das ist uerst wichtig. Sie blieb unerbittlich in ihrer Forderung, da ich den Leuten ber ihre vorausgesehenen Zeichen berichtete. Ich lie meinen frheren Einwand fallen. Willst du, da ich im Wagen mein Notizbuch hole? Nein. Summer kann im Kopf behalten. Wir brauchen einen Tag fr ein Thema. So kann Summer leicht behalten. Fang an. Ich bin bereit. Wieder ttschelte sie meine Hand und drckte sie leise einen Augenblick lang, bevor sie sich im Stuhl zurcklehnte. Die sanfte Schaukelbewegung begann. Summer, Mutter Erde ist in groer Not. Sie in groer Not gerade jetzt, wo wir sprechen. Sie ist daran, ein Neugeborenes in die Welt zu setzen. Dieses Neugeborene war schon vor vielen Monden einmal da. Es kommt wieder zum Vorschein zwischen den Beinen von Mutter Erde. Horch, Summer, horche gut, und du hrst den beschleunigten Herzschlag innerhalb der Mutter Erde. Sie hat jetzt starke Kontraktionen. Ich war verwirrt. Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe. Was fr ein Neugeborenes soll kommen ? Die Alte beugte sich verstohlen vor und flsterte geheimnisvoll: Es ist frher schon einmal dagewesen. Es kommt immer und immer wieder. Es kann nicht zerstrt werden. Denk nach, Summer! Sie nahm ihr Schaukeln wieder auf. Sie hatte jetzt genug geredet. Sie hatte mir verschiedene Anhaltspunkte gegeben und berlie mich nun meinen eigenen Mitteln, um zum richtigen Schlu zu gelangen. Ich dachte an ein Ding, das nicht zerstrt werden konnte. Ich dachte an etwas, das immer und immer wieder zurckkam. Ich sann darber nach, ob sie Gott meinte. Dann erkannte ich, da dieser Gedanke ganz abwegig war, da sie von etwas sprach, das geboren werden und kommen sollte vor der entscheidenden Schlacht, etwas, das den massiven Vernderungen vorausging, oder dessen Geburt oder Gegenwart vielleicht die Vernderung bewirken oder verknden sollte. Es war bestimmt zu spt an der Zeit, als da eine neue Welt-Fhrerpersnlichkeit geboren werden sollte. Auerdem, ein Fhrer konnte zerstrt werden. Es war zu spt, als da sie die krperliche Geburt von irgend jemandem meinen konnte. Daher mute sie sich auf eine mystische, symbolische Geburt beziehen. Dieser ungewhnliche Gedanke lie im Geist alle klassischen Gestalten der griechischen Mythologie aufleben, und doch, sie schienen, als ich sie Revue passieren lie, auch nicht zu passen. Dann aber durchbohrte die einleuchtende Antwort meinen Geist wie der Pfeil eines blauen Blitzes. Die alte Frau strahlte buchstblich vor freudiger Besttigung. Sie hatte offensichtlich peinlich genau mein geistiges Eliminationsverfahren verfolgt, denn als die Antwort mir einfiel, besttigte sie diese mit ihrem breiten, zahnlosen Grinsen. Sie klopfte auf ihr Knie. Ich lchelte schchtern zurck und wurde wieder ernst. Der Phnix, nicht wahr?

Du hast lange gebraucht. Das richtig. Summer findet richtige Antwort ohnehin. Je, es ist groer Phnix, der wieder ersteht, wie in all den Zeiten frher. Er schon hier. Sie zeigte auf den Boden und meinte unter der Erde. Er ist seit Jahren schon im Entstehen begriffen. Er ist nun soweit, um aus dem Leib von Mutter Erde herauszukommen. Wenn man ganz ruhig ist, kann man die Kontraktionen von Mutter Erde spren. Sie ist so, so mde. Sie wird den groen Phnix bald loslassen. Summer wird sehen. Ich dachte lange ber Ihre Worte nach. Die Dinge waren noch zu undeutlich fr mich. Was waren das fr Geburtsqualen, von denen sie sprach ? Bestimmt meinte sie nicht die Vernderungen auf der Erde, denn dafr war es doch etwas zu frh. Sie meinte wohl eine indirektere Art von neuer Bewegung. Ich grbelte weiter darber nach, whrend sie klug wartete, bis ich es herausfand. Ich las immer die Tageszeitungen durch, auf der Suche nach Spuren der sich verndernden Zeiten. Was mir als besonders hervorstechend in den Sinn kam, war der anscheinend sporadische, aber stetige Niedergang des Handels und der Wirtschaft unseres Landes. Ich warf der alten Frau einen verstohlenen Blick zu. Sie versuchte ein Lcheln zu verbergen. Ich hatte recht. So haben also die Geburtswehen des Phnix einen direkten Einflu auf den Zustand unserer gesamten Wirtschaft." Es hat mit allen Gelddingen zu tun. Heit das Wirtschaft ? Ja, nun ! Phnix macht groe Bewegungen unter Mutter Erde. Geldsachen, Handel, alles wird leiden hier. Verursacht Phnix das Unglck in der Wirtschaft? Sie war sichtlich erzrnt ber meine irrige Vermutung. Pah! Phnix verursacht keine schlechten Dinge. Er erhebt sich wieder, um den Leuten neue Zeiten, ein neues Zeitalter und neue Dinge zu bringen. Warum bringst du dann anscheinend die beiden miteinander in Verbindung in bezug auf die negativen Aspekte? Weil sie einen Zusammenhang haben, darum! Sie war am Ende meiner jetzigen Spur der Erkundigungen angekommen. Ich nahm an, da es nun an mir sei, den Rest herauszufinden. Wenn es stimmte, da die negativen Auswirkungen der gesamten Wirtschaft in Zusammenhang mit der Geburt des Phnix standen, Phnix aber diese Katastrophen nicht aktiv hervorbrachte, so waren die beiden unabhngig voneinander. Nein, das war auch nicht ganz richtig. Ich dachte noch intensiver nach. Sie hatte gesagt, Phnix erstehe von neuem, um ein neues Zeitalter zu verknden. Und da dieses Zeitalter eine erneuerte Menschheit auf dieser Erde hervorbringen wrde. Das war es! Es war Zeit fr die Welt, die Anfnge der Vernderungen zu erfahren. Und fr Phnix war auch die Zeit gekommen, wo seine Unabhngigkeit mit dem Ende der Vernderungen zusammenfiel. Das erschien mir absolut sinnvoll. Die Vernderungen begannen eben jetzt sichtbar zu werden, genau wie die Geburt des Phnix. Und wenn die Vernderungen sich vollzogen haben, wird auch Phnix vollkommen sein. No-Eyes lehnte sich vor und stie an mein Knie. Summer denkt heute hbsch ordentlich, kam das vergngte Geschnatter. Ich kicherte ber ihren eigenartigen Umgang mit den Wrtern. Nun, es ergibt wirklich einen logischen Sinn. Ich vermute, wenn man darber nachdenkt, so ist es wirklich die Menschheit, die alle Vernderungen hervorbringt. Und der neu erstehende Phnix wird dasein, um Friede zu bringen und Verjngung allen, die brig bleiben von der geluterten Menschheit. Sie nickte im Takt mit der sanften Schaukelbewegung des Stuhls. Nun wollen wir ber all die schlimmen Gelddinge reden, die auf der Mutter Erde sich zutragen, whrend Phnix sich umdreht unter Mutter Erde, in ihrem Bauch. Wenn ich unterbrechen darf, sind damit die vorausgesagten Schwierigkeiten an der Brse gemeint?

Der Funke ihres Geistes wurde pltzlich von einem dunklen Schatten verdstert, der sich ber ihre Augen legte. Ich erklrte ihr den neuen Ausdruck. Sie schien uninteressiert. Ja nun! Das nur ein winziger Zipfel der Sache. Summer zuhren jetzt. Ich wei nicht alle richtigen Ausdrcke fr Wrter, darum brauche ich klein wenig Hilfe, damit Summer Sache recht versteht." Ich lchelte verstndnisvoll. Also gut, ich versuche die rechten Wrter deinem Sinn anzupassen. Mach langsam, damit ich sicher bin, da ich dich richtig verstehe. Dann fiel mir etwas ein, das mir ziemlich ungereimt vorkam, und ich konnte nicht anders, als darber um Auskunft zu bitten. No-Eyes, ich habe nie an deinen weisen Worten gezweifelt, aber wie kannst du ber bevorstehende Dinge Bescheid wissen, wenn dir die genaue Fachsprache nicht bekannt ist und auch nicht die alltglichen technischen Einzelheiten der modernen Welt? Sie fuhr auf vor Emprung. Ach, Summer glaubt, No-Eyes dumm, weil sie nicht die rechten Wrter kennt! Ihre Antwort war reine Paranoia. Ich war gereizt. Du weit, so habe ich da nicht gemeint! Das war jetzt unfair! Ja nun! Was ist fair, Summer ? Schau, Babies sehen Flaschen. Sie wissen, was das ist. Sie wissen, da sie sei haben wollen, Knnen ganz kleine Babies Flasche sagen ? Summer fhrt alten Wagen. Summer wei, wie er innen funktioniert ? Summer wei richtige Namen fr alle inwendigen Dinge ? Na, Summer, na ? Nein, gab ich ehrlich zur Antwort und wnschte, da ich dieses Thema nie zur Sprache gebracht htte. Ich nicht immer wei richtige Namen fr Dinge, aber ich wei trotzdem ber Dinge Bescheid. Siehst du ? Gut, ich sehe, seufzte ich. Es tut mir leid, dich aufgeregt zu haben. Du solltest wirklich meine leichthin gestellten Fragen dir nicht so zu Herzen nehmen. Ihre Schultern hoben und senkten sich. Vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wollen jetzt die Geldsache in Angriff nehmen. Gut! entgegnete ich etwas zu hastig. Sie runzelte die Stirn. Summer ist Besserwisser? O verdammt, No-Eyes, knntest du jetzt nicht weitermachen! Sie warf mir einen besonders kummervollen Blick zu. Summer nicht No-Eyes beschimpfen, kam die sanfte Bitte, whrend sie den Kopf senkte und ihren verblichenen Rock musterte. Sie hatte mit diesem scheinbaren Vorwurf kein Glanzstck geliefert. Ich schmunzelte und guckte sie aus dem Augenwinkel an. Sie blickte durch sprliche Wimpern auf, und ein prustendes Gelchter entlang sich ihr. Wir waren wieder auf gleicher Ebene. Stolz hob sie ihren Kopf und fuhr im gedmpften Ton einer neuen Ernsthaftigkeit mit der Lektion fort. Summer, viele Leute sind tief in ihren Herzen unzufrieden und ratlos, fr wen sie ihre Arbeit verrichten. Viele Arbeitspltze nicht fair. Diese Arbeiter geben Boss alles, was sie knnen. Sie geben und geben. Sie bekommen nichts zurck. Sie hren auf zu arbeiten. Sie werden wieder arbeiten, wenn sie Dinge zurckbekommen. Viele Menschen werden Arbeit niederlegen. Sie sehr wtend. Es wird berall so sein. Das hrt sich so an, als ob du von Streiks redetest viele Streiks, erklrte ich, Ein Streik ist, wenn die Arbeiter nicht das bekommen, was ihnen von Rechts wegen zusteht, oder wenn sie keine gesunden Arbeitsbedingungen haben; dann tun sie sich zusammen in einer vereinten Gruppe. Sie legen die Arbeit nieder, um sich rechtmig das zu verschaffen.

Das ist genau, was ich sage! rief sie mit harter Stimme. Ich wollte es nur klarstellen, das ist alles, sagte sie lchelnd. Ein knorriger Finger hob sich mahnend. Da kommt noch mehr Summer. Die Vorgesetzten sagen, die Arbeiter verlangen zuviel. Die Vorgesetzten sagen, sie knnen nicht Geschft machen und Arbeiter zufriedenstellen. Summer wei, was sehr viele Vorgesetzte tun werden? Ich schttelte nur meinen Kopf. Die Bosse werden ihre Unternehmen auer Landes schaffen. In fremden Lndern werden sie gute Geschfte machen und gute Arbeiter gleichzeitig haben, siehst du ? Viele Leute hier haben keine Arbeit mehr und kein Geld. Sie zgerte, bevor sie weiterfuhr. Man wird auch Maschinen haben, die die Arbeit der Arbeiter tun. Ich dachte ber diese letzte uerung nach, whrend sie sprach. Ich fand die richtige Spur. Diese Lnder, ber die du sprichst, sind sie weit weg? Ja. Sie sind weit ber groe Wasser. Unbesonnen verga ich ihr Bedrfnis nach sprachlicher Vereinfachung und verfiel aufgeregt in meine eigene bliche Ausdrucksweise. Dann siehst du voraus, da die greren Firmen ihre Fabriken in Amerika schlieen und sie in bersee wieder aufbauen, wo sie zu einem vorteilhafteren Kosten-Nurzen Verhltnis produzieren knnen. Und sie werden ihr brigen amerikanischen Firmen umrsten und den Anwendungsbereich der ComputerAutomation vergrern, was wiederum zu Massenentlassungen fhrt. Ihre Stirne furchte sich. Summer macht zu schnell. Was sind das alles fr Wrter? Sie hielt einen Augenblick inne, und bewegte ihre Augen, whrend sie ihr psychisches Wrterbuch absuchte. Macht nichts. Summer hat da recht, besttigte sie. Summer hat die Dinge richtig gesagt. Also, No-Eyes, wenn viele Firmen sich in bersee niederlassen, wird das nicht auch unsere Import / Export-Bilanz in Mitleidenschaft ziehen ? Was ist das? fauchte sie erregt. Der Kauf und Verkauf von Gtern zwischen verschiedenen Lndern. Ja. Das wird auch ndern. Das wird sehr schlecht werden und fast zum Stillstand kommen. Wenn das fast aufhrt, viel mehr groe Firmen und Fabriken mssen zumachen. Viele Leute dann arbeitslos. Keine Arbeitspltze. Viele Leute sehr erzrnt. Das sind schlechte Nachrichten. Unsere Regierung krzt heute Programme, die der Untersttzung der Armen dienen. Wie werden wir je fhig sein, in Zukunft fr die vielen Tausenden von Arbeitslosen zu sorgen? Der Prsident tut das, verkndete sie vertrauensvoll, whrend der treue Schaukelstuhl sich wieder vernehmen lie. Ich schttelte den Kopf. Falsch, No-Eyes. Es wird sehr viel Geld fr neue Waffen ausgegeben. Man zapft das Geld von den Sozialprogrammen ab und lt es in noch mehr und grere Waffen-, Antiwaffen- und Verteidigungssysteme flieen. Sie blieb aber fest bei ihrer Meinung. No-Eyes sagt eben, da Prsident das fr die Armen tun wird. Hat Summer die Ohren verstopft? Aber ich erklrte gerade ... Summer erklrt berhaupt nichts! No-Eyes erklrt hier. Prsident hat mehr Geld fr mehr Arme, indem er alle veranlat, da sie mehr Geld dem Staat zahlen, siehst du ? Es ist einfach. Es war wirklich einfach. Du meinst hhere Steuern. Jetzt sehe ich tatschlich, wohin dies alles fhren wird. Summer sieht? quiekte sie. Summer soll No-Eyes sagen, wohin dies alles fhrt. Zu einer hllischen Revolte, stie ich voll Abscheu hervor. Ja. Aber ber diese Sache reden wir ein andermal zusammen mit anderer Sache.

Oh, groartig, ich kann es kaum erwarten, flsterte ich leise. Die runden Augen wurden zu dunklen Schlitzen. Summer hat wieder vorwitziges Mundwerk. Ja, gab ich bereitwillig zu, ich glaube, ich brauche es, wenn ich hier nicht den Verstand verlieren will. Nein, antwortete sie munter, alles wird recht herauskommen. Summer wird sehen. Ich wnschte, ich knnte so zuversichtlich sein. Der Funke eines pltzlichen, elektrischen Stromstoes sprang aus ihr. Will Summer sehen kommen? Abwehrend hob ich die Hnde. Nein! Ich glaube dir. Ich will lieber warten, bis es wirklich geschieht. Sie sank in sich zusammen vor Enttuschung, was mir klar bedeutete, da meine Entscheidung zu meinem Nachteil war. fahren wir also fort. Wenn groe Unternehmen weggegangen, werden kleine auch aufhren. Viele Leute denken, ihnen kann nichts passieren, weil sie eigenes Geschft haben, weil sie nicht fr Vorgesetzten arbeiten mssen sie tuschen sich alle. So siehst du also voraus, da auch die kleinen Geschfte eingehen. O Gott, warum mut du das sagen ? Die mittleren und kleinen Unternehmen sind das Rckgrat der Wirtschaft unseres Landes. Jetzt hast du wirklich alles erledigt. Ich habe nichts erledigt! Summer sieht Sache immer noch nicht recht. Alle brauchen immer noch viele, kleine Unternehmen. Die Art, die man braucht, wird weiterbestehen. No-Eyes meint die Art Geschfte, die man nicht wirklich braucht. Erleichterung. Gut, aber warum gehen die anderen zugrunde? Viele Geldstellen werden nicht mehr gut sein. Geldstellen? Ja. Stellen, wo Summer und Bill ihr Geld aufbewahren. Banken? Ja, nun. Summer besser daran mit Geld unter Bett! Jetzt kapiere ich. Wenn die Banken zahlungsunfhig werden, dann knnen die Unternehmen am Anfang kein Start-Darlehen bekommen oder Kredit fr Verbesserungen oder Ausbau. Das ist ja gerade, was ich sage! platzte sie heraus. Summer braucht nicht wie Echo zu wiederholen! Ich berhrte ihren Ausbruch. Dieser Aspekt der Wirtschaft zeigte eine negative Steigerung mit mglicherweise verheerenden Auswirkungen. Wenn die Banken Bankrott machen, wenn die groen Unternehmen ihre Produktion nach bersee verlagern und sie ihre briggebliebenen Firmen automatisieren, wenn die Industrie mit Streiks und Betriebsschlieungen geplagt wird, was geschieht dann mit der Effektenbrse? Was ist das? Wiederum versuchte ich so gut als mglich, ihr die Sache in verstndlichen Ausdrcken zu erklren. Es war nicht leicht. Sie klopfte auf ihre Knie und kicherte in kindlicher Freude,. Die wird umfallen wie ein groer Waldbaum. Das wird alles vorbei sein. Was? schrie ich. Sie fuhr auf ber meine unerwartete Reaktion. Ja, nun! verteidigte sie sich. Summer hat ohnehin keine Wertpapiere. No-Eyes, das macht nichts. Aber viele Leute haben solche. Ihre dunklen Augen funkelten unheilverkndend. Nicht mehr, kam der schelmische Singsang einer Antwort. Ich konnte diese nicht zu ihr passende Teilnahmslosigkeit nicht verstehen. Die Leute werden wahnsinnig werden, wenn es zu einem Brsenkrach kommt!

Sie schob das Thema mit einer gleichgltigen Handbewegung beiseite. Wir werden ber das verrckte Zeug ein andermal reden. Toll. Was knnte sonst noch mit der Wirtschaft fehlgehen? Du hast ungefhr alles abgedeckt. Nein. Geldstellen werden aufhren. Sie werden keine groen Geld mehr ausgeben fr Bauten. Niemand wird mehr Geld haben fr Huser. Keine Orte mehr brig sogar, um Huser zu verkaufen. Was sagst du da? Du sitzt ruhig da und sagst mir, da das Bauen neuer Gebude aufhren wird? Da keine Huser mehr gebaut werden ? Da Immobilienmakler der Vergangenheit angehren ? Sagst du mir wirklich diese Dinge, No-Eyes? Es schien ihr zu widerstreben, mir zu antworten. Sie begann mit ihrem wilden Schaukeln und schaute unbestimmt im Zimmer herum. No-Eyes? Schweigen. Schaukeln. Augen nach oben gerichtet. Ich musterte sie Kalt. No-Eyes, ich habe dich etwas gefragt. Willst du mir antworten oder nicht? Ja Ja, was? fragte ich ungeduldig. Ja, No-Eyes antwortet. Ja, richtig, was No-Eyes Summer sagt. Stille. Rumpel-Quietsch. Die Auswirkungen in der Wirtschaft waren viel schlimmer und weiterreichend, als ich ursprnglich vorausgesehen hatte. Es wrde sicherlich alle Aspekte unseres Whrungssystems berhren. Die alte Frau erzhlte mir nur ungern davon, was sie alles in meiner trben Zukunft auf mich zukommen sah. Sie war immer aufrichtig und hielt nie absichtlich etwas zurck. Sie sagte die Dinge immer gerade heraus, genau, wie sie sie voraussah. Ich sprte, da sie noch einige ble Brocken mehr in ihrem unschuldig aussehenden Baumwollrmel versteckt hielt, und ich drngte sie, weiter zu berichten. Also gut. Ich stelle fest, da ich diese Dinge wissen mu. Gibt es da noch etwas, was du mir sagen willst? Insgeheim hatte ich gehofft, da da nichts mehr war. Sie zgerte. Das rhythmische Rumpeln und Quietschen hrte auf. Ich hatte unrecht. Nun, du knntest es geradesogut herauslassen und fertig werden damit. Summer, begann sie sanft, der Preis von Boden und Husern wird tief fallen er wird zerrinnen wie Wasser durch einen alten, schadhaften Biberdamm. Ich fuhr hoch. Das nenne ich aber gute Nachrichten! Jetzt sprichst du mir aus dem Herzen! Nein. Sie brachte mich auf den Boden zurck: Viele Leute werden versuchen, Haus und Land zu verkaufen, um mehr Geld zu bekommen um zu leben. Sie werden nicht einmal genug bekommen. Sie werden immer noch viel Schulden haben. Sache wird wie in einem groen Wirbel kreisfrmig runter und runter gehen, tief und tiefer. Es wird ganz tief sinken. Es wird nicht mehr steigen nie mehr. Als ich von diesen Aussichten erfuhr, begriff ich, da ihr Ernst berechtigt war. Ich verstehe, was du meinst. Die Leute zahlen viel Geld fr ihre groen Huser, und wenn ihr Wert dramatisch abnimmt, knnen sie nicht einmal genug Geld zusammenbringen, um ihre laufenden Hypothekenzinsen zu zahlen, von Rckzahlungen gar nicht zu reden. Was ist das fr Hypothekding, Summer?

Das ist das fr die Kosten von Haus oder Land geliehene Geld, das man der Bank zurckzahlen mu ursprnglicher Betrag plus Zinsen. No-Eyes bewegte traurig ihren Kopf von einer Seite zur andern. Die Leute wollen zuviel Geld von Bank. Sie werden keinen Weg finden, es zurckzuzahlen. Eine lngere Pause entstand, bis ich No-Eyes drngte, das Thema abzuschlieen. Gibt es noch etwas, was du mir sagen willst, wenn wir schon dran sind? Wir knnen genausogut alles sagen und damit erledigen. Nur ganz kleine Sache, gab sie mit einer raschen, wegwerfenden Handbewegung zu. Was fr eine ganz kleine Sache ? Wichtige Leute in groem Geschft machen viel Geld. Sie machen solche Sachen berall. Das ist alles. Sie sprach ber die Zunahme von Wirtschaftsverbrechen bei Multis und Holdings. Und ich konnte die Grnde fr die groen Versuchungen gut verstehen. Ich blickte in das traurige Gesicht der alten Frau und versuchte, sie zu trsten. No-Eyes, ich vermute, diese Dinge, die du mir heute erzhlt hast, sind unvermeidlich. Ich will nicht, da du dich verantwortlich fhlst dafr, nur weil du sie als Tatsache hast kommen sehen. Die Menschen werden diese wirtschaftlichen Nte berstehen. Sie haben es immer fertiggebracht, schlechte Zeiten durchzustehen. Und das wird auch nicht anders sein. Ich lchelte ihr warm zu. Wir sind eine widerstandsfhige Rasse. Wir werden schon durchkommen. Ich rutschte vom Sofa und setzte mich neben ihren Stuhl auf den Boden. Ihre zerbrechlichen Hnden waren kalt. Summer, ich bin nicht wegen mir traurig. No-Eyes ist traurig wegen Dingen, die Summer durchmachen mu. Ein versonnener Blick verschleierte ihre Augen. Ich mu diese schlimmen Dinge nicht erleben. Dann bin ich glcklich fr dich. Und ich schlang meine Arme um ihre schlanke Taille. Summer? Ja? Hrst du das ? Ich lauschte. Ich atmete ganz leise. Und ich vernahm das fast unhrbare Sthnen der Mutter Erde in ihren schweren Wehen. Die Alte flsterte leise. Summer, komm morgen wieder. Wir werden darber reden, was passiert, wenn Phnix aus der Mutter Erde herauskommt. Ich umarmte sie zrtlich. Also gut, No-Eyes. Ich werde dasein. Ich schrte das Feuer, und wir verbrachten den Rest des Nachmittages im stillen Zusammensein und Teilhaben an unserer warmen Freundschaft. Kapitel 2 - Sichtbarwerden Sichtbarwerden Und der Scheitel des neugeborenen Phnix zerreit die Lenden der leidenden Mutter Erde. Es war Sonntag. Whrend ich ber die gewundenen Bergstraen fuhr, die zu NoEyes` Htte fhrten, ging ich im Geist noch einmal alles durch, was sich am vorigen Tag zwischen uns ereignet hatte. Ich war immer noch ein wenig verwundert ber unser heftiges Gesprch und das Ausma, das der wirtschaftliche Niedergang annehmen wrde. Keine Seite unseres jetzigen Whrungssystems wrde einer Vernderung zum Schlechten entgehen. Ich hatte frher schon vom Kursverfall an der Brse und dem Konkurs einiger

Grobanken gehrt. Wenn ich mir Zeit genommen htte, hinter die Zeichen an der _Wand zu schauen, htte ich vielleicht andere offensichtliche Vernderungen als natrliche Folge voraussehen knnen. Es war die Dominotheorie, die zutreffend auf das Wirtschaftssystem angewendet werden konnte. Das war unausweichlich. Bill und ich hielten in den Zeitungen immer Ausschau nach irgendwelchen von NoEyes vorausgesagten Zeichen. Wir konnten sehen, mit welcher Sicherheit Entscheidungen, die von Multis getroffen wurden, auf die letzten Seiten der Geschichte zusteuerten. Die Hinweise huften sich, die den Grabgesang unserer Wirtschaft verstrkten. Im jetzigen Augenblick ist die Melodie kaum hrbar. Mit der Zeit wird sie an Lautstrke und Schwung zunehmen, um so ihr entscheidendes Crescendo zu erreichen. Wir dachten ber die zweifelhafte Zukunft der Industriearbeiter nach. Was sollte aus all den Familien dieser bedauernswerten Mnner werden, die ihr ganzes Leben hart arbeiteten fr groe Unternehmen, die dann eines Tages beschlieen, ihre umfangreichen Industrien in andere Lnder zu verlegen oder zu automatisieren ? Uns schien, dass Geld tatschlich zum verehrten goldenen Kalb unserer Nation geworden war. Wo blieben die Firmen, die sich um ihre Arbeiter kmmerten ? Wo waren die Unternehmen, die Menschlichkeit ber ihre Gewinnmargen setzten ? Wo war menschliches Mitgefhl hingekommen ? All diese Gedanken bestrmten mich auf meiner Fahrt durch die Wlder. Normalerweise schwelgte ich auf diesem Weg in der herbstlichen Schnheit der Berge. Heute nicht. Heute war mein Herz schwer vor Mitgefhl fr all jene, die in Zukunft so groe Verluste erleiden wrden. Heute hatte ich keine Zeit, mich verwhnen zu lassen von der Herrlichkeit meines kostbaren Waldes. Das war aber genau richtig, denn No-Eyes hatte vor, mir ber weitere Vernderungen meiner zuknftigen Lebensbedingungen zu erzhlen. Ich hatte keinen Anhaltspunkt, welches Thema zur Sprache kommen sollte, aber nach der bedrckenden, mir noch gegenwrtigen Diskussion von gestern war ich geistig und gefhlsmig auf die bevorstehenden negativen Informationen vorbereitet. Die Abzweigung zur Htte lag gerade vor mir. Wolken schoben sich vor die Sonne, und alle Bume erschienen sonderbar verhllt. Ich bog ein und parkte den Lieferwagen an der alten Stelle. Ich konnte von da aus die Htte sehen, und auch sie war von gespenstischem Grau umgeben. Ein Fremder htte sehr wahrscheinlich diesen verfallenen Ort gemieden. Im jetzigen dsteren Licht erschien er trostlos und voller bser Vorahnung ein richtig geisterhafter ort. Ich war jedoch keine Fremde hier. Ich liebte diesen Ort sogar, wenn er in Dunkelheit getaucht und in Schatten gebannt lag. Ich ging das Wegstck zu ihrem Hgel hinauf, und als ich die verwitterten Stufen erreichte, brach die Sonne hervor, sich von ihrem vorbergehenden, finsteren Gefngnis befreiend. Die hellen Strahlen tummelten sich in den breiten Spalten und brckeligen Holzritzen, sie beleuchteten die alte Htte wie auf e9iner Ansichtskarte des Taj Mahal und gaben ihr einen warmen Hauch von Freude. Die Sonne schenkte mir das erhabene Zeichen einer Botschaft, dass, auch wenn meine Lehrerin niederdrckende Lektionen bereithielt, das Leben dennoch hell und wahrhaftig der Mhe wert war, es zu leben. Ich lchelte und trat ein. No-Eyes sa an ihrem handgezimmerten Tisch in der winzigen Kche. Ihr stummes, zahnloses Kauen entlockte mir immer ein inneres Kichern. Ich hatte diese Frau so lieb. Was ist so komisch ? fragte sie mich mit einem Mund voll weichem Krnerbrei. Sagte ich, etwas sei komisch? Summer braucht nicht zu sprechen. No-Eyes hrt trotzdem. Darf man hier nicht lcheln? Oder mu ich immer so todernst sein wie du? Schmatz. Schmatz.

Ich zog meinen schweren Wollumhang ber den Kopf, legte ihn aufs Sofa und setzte mich zu ihr an den Tisch. Darf ich mich zu dir setzen? Ohne Murren wies sie auf die Wandschrnke und bedeutete mir, ich solle mir meine eigene Schale von dem natrlichen Frhstck holen. Ich setzte mich ihr gegenber. Nein danke, ich habe schon gegessen. Was Summer gegessen? fragte sie schlau. Eier und Vollkornbrtchen. Summer isst weies Zeugs in den Eiern? Natrlich nicht, das ist ungesund! He, du wolltest mir doch nicht etwa ein Bein stellen ? Ich grinste und beugte meinen Kopf zu ihr, als ob ich die Luft prfen wollte. Sie zuckte die Schulter und gab keine Antwort. Ich wei, was ich essen und was ich anderen lassen mu, setzte ich hinzu. Hm! Ich legte meine Kinn auf den Tisch und blickte in ihre Augen auf. Ich liebe dich. Sie schaute auf mich hinunter. Die Augen, die nichts sahen, waren verschleiert. Ich fasste nach ihrer Hand und hielt sie sanft. Es geht mir gut. Es macht mir nichts aus wegen heute. Ich wei, du musst es mir erzhlen. La es uns nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Ich rieb die dnne Haut auf ihrer Hand. Es ist besser du isst deinen Getreidebrei nicht in dieser Stimmung. Ich legte den Lffel in das Holzschsselchen und fhrte sie ins Wohnzimmer. Ich zog den Schaukelstuhl heran, lie sie Platz nehmen und kniete mich an ihre Seite. No-Eyes, es tut mir so leid, dass ich deine Stimmung nicht bemerkt habe, als ich eintrat. Es gibt keine Entschuldigung fr diese Art Gefhllosigkeit. Ich htte merken sollen, wie beladen dein Geist sein mu. Vielleicht knnten wir dieses Gesprch fr ein anderes Mal aufsparen. Sie streckte ihren Rcken und schaukelte. Das war die einzige erklrende Antwort. Ich klopfte eines der klumpigen Sofakissen zurecht und machte mich fr die nchste Lektion des Phnixberichts bereit. Einige Minuten lang umhllte Schweigen das Zimmer wie ein abschirmender Konkon. Ich wusste, dass sie die Gedanken sammelte, um eine friedvolle Haltung einzunehmen. Die meisten meiner ernsteren Lektionen begannen in dieser gewohnten Weise. Ich benutzte diese zustzliche Zeit, um meine geistige Wahrnehmungskraft zu erhhen und mich auf die Strkung meines Gedchtnisses zu konzentrieren. Ich musste mich an alles was sie sagte, erinnern, denn ich benutzte in den zwei Jahren meiner Lektionen nur zweimal ein Notizbuch. Die Stille zwischen uns wurde tiefer, ein Zeichen, dass wir beide wohl vorbereitet waren. Summer, das letzte Mal sprachen wir, wie die schweren Wehen der Mutter Erde mit Phnix begannen. Diesmal reden wir darber was passieren wird, wenn groer Phnix seinen Kopf zeigt, wenn groer Phnix aus Mutter Erde herauskommt. Ihre Haut wird arg zerreien. Viele Trnen. Ihr Atem kommt in langen Windsten. Ihr Mund wird trocken sein. Es wird ihr hei sein und dann wird sie vor eisiger Klte zittern. Sie wird eine Menge Trnen weinen. Sie wird Dinge mit ihren Trnen berfluten. Ich wusste, dass das Land No-Eyes genauso viel bedeutete wie mir. Das war der Grund ihrer Traurigkeit, als ich in ihre Htte kam. Sie musste jetzt die Vernderungen beschreiben auf Mutter Erde, die das Leben von uns allen beeintrchtigen werden. Es schmerzte sie, diese Dinge zu wissen. Es schmerzte sie, dass sie ber die Leiden der Mutter Erde sprechen musste, der Mutter, die so gtig all ihre reichen Gaben der Menschheit berlie. Und nun wrde sie aufgerissen

werden und fr immer Narben davontragen. Eine einzelne Trne rann ber die zerfurchte Wange der alten Frau. Sie lie sie unbeachtet, vielleicht kmmerte es sie nicht. Was war eine einzelne Trne, verglichen mit den Millionen, die vergossen werden wrden in naher Zukunft durch die leidenden Menschen ? Ehrerbietig schwieg ich. Ihren tiefen Gram durch Mitleidsbezeugungen zu beachten, war nicht im Einklang mit unserem stolzen Erbe. In ihrem Herzen wusste sie, dass ich an ihrer Seite war in ihrem Schmerz. Oft wurden keine Worte zwischen uns gesprochen. Sie waren unntig. Ich gesellte mich fr einen Augenblick zu ihrem Geist, und sie schien dankbar. Das tut gut. Ich lchelte. Ich kriege nichts getan. No-Eyes tut besser daran, sich aufzurichten. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich verstehe. Ich fahre jetzt fort. Sie machte eine kleine Pause, bevor sie weiter sprach. Summer, du besinnst dich, ich sage, Phnix verursacht nicht die Vernderungen ? Ich sage, alle nderungen kommen zur selben Zeit mit Phnix, wenn er aus Mutter Erde herauskommt ? Ich erinnere mich. Das ist wichtig hier. Man darf nicht Phnix Schuld geben. Er wird neue Zeiten bringen, wenn der Wandel beendigt, wiederholt sie mit Nachdruck. Ja, ich verstehe das, No-Eyes. Sie nahm einen tiefen Atemzug, hielt ihn einen Augenblick und atmete dann langsam aus. Summer, die Leute wissen schon vom groen Ri in Kalifornien. Das wird ein sehr, sehr schlimmer Ri sein. Das wird der schlimmste sein. Du meinst das Erdbeben. Sie nickte. Summer, an vielen Orten gibt es keine Risse. An vielen Orten bebt die Erde nie. Das wird ndern. Groes Getse wird von Mutter Erde kommen von tief innen. Sie werden viel hufiger an neuen Orten kommen, Orte, wo es noch nie je Risse gegeben hat. No-Eyes, diese Beben zeigen sich schon an. Als wir in der Holzhtte in Rainbow Valley wohnten, hrten wir das Rumpeln, danach sprten wir, wie ein Zittern durchs Haus ging. Es war sehr unheimlich. Ich glaube, wir waren eher berrascht als erschreckt, weil das Ganze vorbei war, bevor wir erkannten, was wir erlebt hatten. No-Eyes, Erdbeben sind extrem selten in jener Gegend, aber seit kurzem stellten wir fest, dass sie zunehmen. Sie nickte mit halbem Einverstndnis, dann zog sie die Unterlippe ein und schttelte den Kopf. Das keine groe Sache. No-Eyes spricht ber viel, viel mehr. Sie werden an vielen neuen Orten in Erscheinung treten. Sie werden grer und grer, wenn Phnix sich von seinem Geburtsort erhebt. Mutter Erde bewegt sich stark unter der Haut. Sie wird groe Bewegungen machen. Ich dachte ber diese Bedeutung nach. Wenn die Erde so unruhig sein wrde, htte das bestimmt erhebliche Folgen. Die Erde konnte nicht so groe Bewegungen machen, ohne den enorm aufgebauten Druck ablassen zu mssen. Diese Gedankenrichtung brachte mich natrlich direkt auf das Thema der Vulkane. Es versteht sich logischerweise von selbst, dass der Druck, wenn die Platten und Schichten sich in so mchtiger Bewegung befinden, fr die dnne Erdkruste so stark wird, dass er neue Wege der Entladung finden mu. No-Eyes, es wird vermehrte Vulkanttigkeit geben? Sie nickte. Ja. Viel mehr Zeug wird herauskommen. Diesmal werden viel mehr Menschen wegziehen. Heie Felsbrocken werden viele Huser zerstren. Heie Felsbrocken berall. Mutter Erde wird immer und immer wieder das Zeug berall

hinschleudern. Sprichst du nun ber Hawaii oder den Staat Washington? No-Eyes spricht von berall, erklrte sie, indem sie beide Arme ausbreitete. Aber es gibt nicht berall Vulkane. Es wird geben! Dann sagst du also, dass die erloschenen Vulkane wieder aktiv werden. No-Eyes sagt, alte Lcher werden wieder hei. Ich vermute, du meinst alte Krater. Was ist das? Ich erklrte, was Krater sind. Ich erzhlte ihr von Gegenden, wo Bume alter Krater berwuchsen, und dass nun Ortschaften darauf gebaut wurden. Ich erzhlte ihr vom Gold, das mit Erfolg in Cripple Creek geschrft wurde, weil es auf einem Vulkan gelegen ist. Ts-ts. Diese Stadt wird in die Luft fliegen. Die Menschen gehen gescheiter schnell, schnell weg! Summer, ich spreche ber mehr Dinge sogar. Ich sehe Land hoch in die Luft fliegen, wo frher nie so etwas vorgekommen ist. Neue Vulkane? Sie blickte pltzlich auf anstatt einer Antwort. Nun wie ist es denn mit den Rocky Mountains Was ist mit Pikes Peak? Sie schttelte traurig ihren Kopf. Ich verwarf meine Hnde. O Himmel ! Jetzt erzhlst du mir, dass Pikes Peak in die Luft fliegen wird! No-Eyes, weit du, wo ich lebe? Woodland Park ist das reizendste kleine Bergdorf, das ich je gesehen habe. Es liegt direkt auf dem Pa Ja. Summer zieht besser auch um. Sie machte eine Pause. Vielleicht wird Pikes Peak nur beben und etwas rumpeln. Summer zieht trotzdem besser weg. Das war unglaublich Ich nehme es an! Da gibt es noch mehr. Erspare mir die Einzelheiten, sthnte ich. Nein. Wir wollen das fertig machen. Ich rollte die Augen. Ich habe schon befrchtet, dass du das sagen wrdest. Sie seufzte. Summer, Mutter Erde wird schwer atmen. Phnix wird ihr hart ankommen. Sie wird ihren Atem berall hin blasen. Es wird heit wie Feuer sein. Es wird das Land austrocknen. Ein groer Teil des Landes wird vllig trocken sein. Es wird mrbe gerstet sein. Sie brach ab, damit ich dies verdauen konnte. Und ich begriff, dass sie die Wiederkehr der Sandwste meinte. Das wrde sich wirklich verheerend auf die Nahrungsproduktion in Amerika auswirken. Das wrde jede Art von Nahrungsmittelknappheit herbeifhren. Die Trockenheit wrde zudem groe, ausgedehnte Feuer zum Ausbruch bringen. Sie sprach wieder, als sie merkte, dass ich die ntigen Schlsse gezogen hatte. Das noch nicht alles, was der Atem von Mutter Erde tun wird. Sie wird gewaltig ber das Land blasen. Sie wird ber Farmen hinwegbrausen, durch Stdte, sogar auf Berge. Sie wird sogar Wasser ins Land blasen. Der Atem wird viel Wasser auf viel Land bringen. Eine neue Denkpause. Es waren nur einige wenige Stze, aber was sie tatschlich sagte, war viel. Wenn der Wind ber Farmen und ebenso ber Stdte und Berge hinwegbrausen wrde, dann musste sie damit Tornados meinen. Tornados wrden hufiger vorkommen und ein alltgliches Ereignis werden. Sie sprach auch von Wind vom Wasser aufs Land Hurrikane. Diese waren berhaupt nichts Neues, in Verbindung jedoch mit unserer ernsten Diskussion bedeutete es, dass sie an Hufigkeit zunehmen und an grausamer Gewalt das bliche bersteigen wrden. Und wenn der Wind das Wasser auf das Land trgt, werden ausgedehnte Gebiete von groen berschwemmungen

heimgesucht. Ich dachte, sie htte das Thema der Naturkatastrophen nun gebhrend abgehandelt, als s8ie pltzlich wieder zu sprechen anfing. Mutter Erde wird so machen. Sie gab kurze, keuchende Atemste von sich. Sie wird so machen und schnellen, energischen Atem haben. Viele Menschen werden es zu spren bekommen. Sie werden sterben, wenn sie so macht.. Das war verwirrend und schwierig zu deuten. Mit Atem meinst du den Wind. Nicken. Der Wind wird in schnellen Ben kommen. Nochmals Nicken. Schnell und krftig, so! Sie warf ihren Arm durch die Luft. Er wird die Autos wegwirbeln, die Boote der Leute und Zge, bevor sie das berhaupt kommen sehen. Launenhafte, unheimliche Unflle werden durch pltzliche starke Windben verursacht. Das stimmt. Nun, was weiter? seufzte ich. Der alte Schaukelstuhl begann mit seinem fieberhaften Rhythmus. Das Rumpeln und Quietschen seiner unebenen Kufen konnte manchmal trstend wirken, aber nicht jetzt. Sie schaukelte, aber nicht, um sich auszuruhen, sondern weil sie noch mehr zu sagen hatte. Viel Land wird wegfallen, Summer. Was meinst du? Sprichst du ber die Kstenzonen? Nein. Gegenden im Landesinneren? Nein. Also Inseln. Nein. Ich wusste nicht weiter. Was bleibt also? Alles Land bleibt. Das ganze Land wird trocken sein, Summer. Was macht ausgetrockneter Boden, hm ? Er wird weggeblasen. Er kann kein richtiges Wurzelsystem tragen, das den Boden zusammenhlt. Erosion! Du meinst Bodenerosion wegen der austrocknenden Winde! Und das wird berall passieren? Nicht berall, verbesserte sie. Genug, um groes Problem zu sein. Das kommt zugleich mit Wasser, das unter der Mutter Erde austrocknet. Land fllt in viele groe Lcher berall. Wenn Wasser unter Erde austrocknet, fllt Erde an die Stelle, wo vorher Wasser war. Diese nennt man Dolinen, No-Eyes. Es ist mir gleich, was fr ein Wort Summer braucht. Ich sage, was ich sehe, das alles. Ich wei. Ich wollte nur sagen, wie das heit. Es ist mir gleich, kam die starrkpfige Antwort. Seufzer. Rumpel-Quietsch. Rumpel-Quietsch No-Eyes, ich will dich nicht verbessern, weit du. Schweigen. Bist du bse mit mir? Rumpel-Quietsch. Rumpel-Quietsch. Ich wollte die Alte nicht rgern. Sie war so berempfindlich. So oft hatte ich mit einer Bemerkung ihre zarten Gefhle verletzt, ohne es zu wollen. So oft nahm sie ungerechtfertigt Ansto an meiner modernen Redeweise. Sie verstand viele der gewhnlichen Redewendungen nicht und nahm sie sich dauernd zu Herzen. Pltzlich holte mich die Ruhe des Schaukelstuhl aus meinen privaten Gedanken. Ich schaute sie an.

No-Eyes beugte sich vor und flsterte mit einem schelmischen Grinsen: Ich bin nicht bse. No-Eyes hat Summer lieb. Ich atmete erleichtert auf. Ich liebe dich auch, No-Eyes. No-Eyes wei. No-Eyes prt das hier. Sie klopfte auf ihre Brust. Und hier. Sie zeigte auf ihre Stirn. Wir tauschten ein warmes Lcheln. Wir wollen nun mit der letzten Sache weitermachen. Gut. Die Zeiten im Winter werden schlimm sein. Groe Strme kommen. Sie werden alle Ortschaften zudecken. Sie werden berall sein. Im Sommer wird es auch viele schlimme Regenflle geben. Blitze machen viele Feuer. Groe Eisbrocken werden hufiger kommen. An viel mehr Tagen werden sie kommen. Sommer und Winter werden vllig durcheinander sein. Das alles passiert innerhalb der Zeit einer Stunde. Warte mal. La mich das klarstellen. Die Winter werden schlimm sein und Schneestrme und extreme Schneeflle bringen. Ja. Und die Sommer werden schlimm sein wegen Gewitter und starkem Hagel. Eisbrocken, verbesserte sie mich und wollte meinen Ausdruck dafr nicht verwenden. Eisbrocken. Auch die Blitze werden hufiger auftreten und mehr Schaden anrichten. Nicken. Aber ich verstehe nicht, wie Sommer und Winter innerhalb einer Stunde durcheinander geraten? Es wechselt von hei zu kalt, siehst du, Summer? Du meinst einen raschen Temperatursturz? Es wird auch in Hhe gehen. Diesmal nickte ich. Das ist alles, sagte sie entschieden. Das ist alles? Sie dachte kurz nach. Eine letzte Sache. Neue Art von Licht in der Luft. Kann im Winter sein, kann im Sommer sein. Es ist etwa wie grn. Es wird berall in der Luft sein, siehst du ? Meinst du, eine andere Art Farbe wird man am Himmel sehen? Ja. Dieses Ding wird man berall in der Luft sehen. In der Atmosphre. Das habe ich schon gesagt, krchzte sie gereizt. Gut es wird Tage geben, wo die ganze Atmosphre, die Luft einen grnlichen Schimmer hat. Das ist richtig. Das ist, was No-Eyes sagt. Woher wird es kommen? Ihre groen Augen werden noch grer. Summer wei das nicht? Nun, la es mich so formulieren. Wie heit es? Sie geno sichtlich meinen Mangel an richtigen Ausdrcken fr das. Summer wei auch nicht richtiges Wort? Sehr lustig, entfuhr es mir beiend. Sie grinste breit und zeigte gesundes, rosarotes Zahnfleisch. Das wird Phnix-Tage genannt! Warum? beharrte ich. Das ist, wenn alle Dinge geschehen. Das ist, wenn die Sachen mit dem Land

passieren. Das ist dann, wenn Phnix auf die Welt kommt. Das sind die Geburtsstunden des groen Phnix. Aber dieser grnliche Schimmer hat eine physikalische Ursache oder nicht ? berlege, Summer! fuhr sie mich rgerlich an. Und ich tat es. Ich erkannte, dass gewisse psychische Erscheinungen keine physikalischen Ursachen brauchten. Ich war entsprechend gedemtigt. Das war eine dumme Bemerkung, die ich gemacht habe, hm? Sie zog beide Brauen hoch. Ja. Das ist dumm. Nachdem die mhselige Brde der Vernderungen auf der Erde von den zerbrechlichen Schultern meiner alten Freundin genommen war, konnte sie wieder unbeschwert und erneut ihr altes rechthaberisches Selbst sein. Fr mich hingegen konnte ich wahrhaftig nicht dasselbe behaupten, obwohl ich es mir so sehr wnschte. Es schien, als ob meine kluge Freundin insgeheim das schwere Joch von ihren Schultern auf meine bertragen htte. Ich verlie ihre Htte an diesem Sonntagnachmittag mit einer inneren Unruhe, wie ich sie lange Zeit nicht mehr erlebt hatte. Das Zusammensein mit No-Eyes hatte mich ein wenig selbstzufrieden gemacht, aber jetzt kam das alte nagende Gefhl der drngenden Zeit Zurck. Ich hatte das Geborgenheitsgefhl eines Babys verloren, das ihre Gesellschaft meinem ermatteten Geist vermittelt hatte. Einmal mehr war ich in den kalten Schnee der bitteren Realitt dieser Welt unsanft hinausgestoen worden. Sie war ein Vorbild von einer Lehrerin, und sie hatte, gleich einem Biber, der zielbewusst die zarte Rinde einer Espe ablst, mich meiner trstlichen Lackschicht, der schtzenden Haut fr meine Empfindsamkeit, entkleidet. Einmal mehr war mein Geist der Hrte der kommenden Dinge ausgesetzt. Einmal mehr war ich von den alten, lstigen Sorgen erfllt. Einmal mehr sprte meine Seele den Schmerz des Mitgefhls. Pltzlich leerte sich mein Geist wie Wasser aus einem durchlcherten Eimer. Er hatte das gefrchtete Unvermeidliche erfahren ein Zusammentreffen all der niederschmetternden Verwstungen, von denen ich in den vergangenen zwei Tagen gehrt hatte. Ich fuhr von der Behausung der alten Frau weg, und ich war schon fast drei Meilen unterwegs, bis mich endlich geistige Ruhe erfllte. Die herbstlichen Schatten des spten Nachmittags woben ein feines Filigranmuster, das sich in Wellen ber die Windschutzscheibe bewegte. Langsam wurde ich aufmerksam auf die goldenen Bltter, welche so sorglos vor mir ber die Strae tanzte. Eine sanfte Brise zog zrtlich an den Spitzen der zittrigen Espen. Rauchige Sonnenstrahlen sickerten durch die stattlichen Kiefern, die dicht den Straenrand sumten. Es war zu verlockend, um nicht beachtet zu werden ich war sndhaft schwach im Anblick der Naturschnheit der Berge. So gab ich vollkommen nach und bog in einen alten berwachsenen Seitenweg ein, auf dem ich eine gute Meile fuhr. Dann hielt ich an und stieg aus. Der Wind flsterte sogleich in mein Ohr Er spielte auf mystische Tage der Wlder an. Er sagte ihr berleben voraus, trotz der schrecklichen Vernderungen. Er streichelte meine Wangen und hob zrtlich mein langes Haar. Ich hatte es gern, wenn der Wind sich in Liebesbezeugungen versuchte. Er war so einfhlsam und frsorglich. Von all den wunderschnen Seiten der Berge hatte ich den Wind am liebsten. Ich ging durch die Bankskiefern auf eine Lichtung hinaus und mein therischer Gefhrte begleitete mich. Irgendwo in der Nhe kicherte ein Flu. Mein Freund, der Wind, trug das bermtige Gelchter des Wassers zu mir, und ich nherte mich dem

Ort der Frhlichkeit. Es war so friedlich, dass ich nie mehr weggehen wollte. Der gewundene Wasserlauf war schmal, aber der von Felsbrocken und verstreutem Gerll besetzte Grund war der Anla fr seine fortwhrende Stimme. Die sanften Ufer waren zuvorkommend mit dickem, samtigem Moos gepolstert ein bequemes Bett fr meinen erschpften Krper. Ich zog meine Mokassins aus, rollte die Hosenbeine meiner Jeans hoch und setzte mich auf den Begrungsteppich am Flu. Das strmende Wasser war gleichzeitig beiend kalt und erfrischend. Ich stie einen erschpften Seufzer aus und betrachtete die unschuldige Schnheit, die meinen verborgenen Meditationsraum umgab. Ich war nicht allein hier. Ich war in ehrwrdiger Gesellschaft. Ich legte mich aufs Moos und schaute zu, wie die Sonne Hkelmuster zeichnete auf allem, was sie berhrte. Die hohen Goldkiefern murmelten uralte Geheimnisse einander zu. Ihnen waren die esoterischen Wahrheiten des Lebens nicht unbekannt. Der Flu gluckste vergngt, als er meine Beine kitzelte. Und ich berlie mich seinem berauschenden Wesen. Als ich wieder zu wachem Bewusstsein kam, war die Sonne schon weit jenseits ber en westlichen Kamm gezogen. Der Wind murmelte beruhigend in den Tannen, und der Flu schwtzte aufgeregt mit dem Mond ber die Geschichten ihrer mystischen Reisen. Der Vollmond lchelte auf mich herunter durch den schwankenden Rahmen der Baumwipfel. Ich zog meine starren Beine aus dem Wasser und blieb immer noch in meiner ruhenden Lage am Ufer. Von da an sah ich die winzigen Bewegungen der silbrigen Mondstrahlen, die durch das Immergrn herunter drangen. Die Natur war eine Welt fr sich. Die Natur mit ihrer vielfltigen Bevlkerung von kriechenden, geflgelten, mit Flossen ausgestatteten und vierbeinigen Wesen war eine andere Welt. Die Natur mit ihren lange bewahrten Geheimnissen bis zum Mysterium des Universums war der Ort, wo ich hingehrte. Die Natur war tatschlich eine sehr persnliche Wirklichkeit, aber doch vereinbar mit der Realitt an sich. Und eine Reise in diese einzigartige Wirklichkeit war eine der schnsten Erlebnisse, die ein Mensch je hoffen konnte zu erfahren. Dieses kleine Stck Wald war auf der Stufe vollendeten Friedens. Es war eine vorsichtflutartige Welt, reich an unschuldig strahlender Schnheit. Wenn man seine innere Welt darauf einstimmte, konnte man ihre Sprache genau vernehmen. Man konnte die feinsten Schwingungen jeder ihrer Arten von Bewohnern erfassen. Man konnte die fesselnde Geschichte des jahrhundertealten Baumes hren, sehen, was der Flu gesehen hat und Antworten erhalten auf alle geheimnisvollen Rtsel der Zeiten. Der Wald ist ein unendlich treuer Freund, aber nur dem, der an ihn glaubt, und nur jenen, die sich mit seinem Geist vereinigen. Ich glaube. Ich versenkte mich in ihm. Ich hatte das schon immer getan. Der Mann im Mond zwinkerte, bevor er seine Nase hinter den stachligen Kieferwipfeln verschwinden lie, und ich war pltzlich in eine dunklere Nacht getaucht. Ich konnte immer noch gengend gut sehen, aber ich schlo meine Augen und lauschte gespannt. Ich hrte den einsamen Schrei eines Koyoten, der nach seinem verlorenen Gefhrten heulte. Die Bume wurden ruhig, als der Wind sie in den Schlaf wiegte. Mehrere Eulen riefen einander zu. In den dichten Weiden neben mir rhrte sich ein kleines Lebewesen. Zu meiner Rechten bahnte sich ein gedrungenes Stachelschwein im Watschelgang seinen Weg zu seiner gemtlichen Behausung in einem hohlen Stamm. Die drren Bltter raschelten unter den eilig dahintrippelnden Fen eines Kaibab-Eichhrnchens. Der nchtliche Bergwald war voller leben und gedieh. Er lie mich mit Sicherheit wissen, dass das Leben fortdauern wrde, ganz unabhngig davon, wie viele Vernderungen ber das Land

kommen wrden. Es wrde berleben. Und ich auch. Meine Heimfahrt an diesem Abend war prachtvoll. Ich konnte nie genug bekommen von der Schnheit der Berge. Nachts lsst der Mond sein geisterhaftes Licht auf die dicht bewaldeten Hgel herunter scheinen. Die aufragenden Berge heben sich wie ein Schattenri vom silbrigen Licht des tief stehenden Mondes ab. Und wenn man das Glck htte, den Wunsch zu uern, man mchte die innerste Essenz der lebendigen Berge sehen, so brauchte man nur sein Bewusstsein ein wenig ndern, um das blasse Blau der unverhllten Aura der Berge zu erkennen den ewigen Beweis des Geistes in allen lebenden Wesen. In solchen Zeiten, wenn mein Geist eins wurde mit dem der Berge, wollte ich nie mehr von ihnen weggehen. Heimzugehen in das harte knstliche Licht und zu den starren, von Menschenhand gemachten Gegenstnden des Hauses, war eine schwere Ernchterung. Es gab Nchte, wo ich einfach wnschte, in den reinen Armen der Natur zu bleiben. Ich habe tatschlich genau das getan, weil eine Herbstnacht in den Bergen Friede bedeutet fr meine geplagte Seele. Dort gehe ich leise unter den Kiefern, und unmittelbar neben dem wandernden Flu strecke ich ehrfrchtig den Arm aus und berhre demtig die wartende Hand Gottes. Kapitel 3 - die suchenden Augen Die suchenden Augen Groe rote Augen suchen die Weite des Himmels ab. Sie suchen der Lnge nach das Land ab. Stumm halten sie Wache. Die Zeit flog vorbei. Ich konnte nicht glauben, dass die Woche so rasch in die Vergangenheit geglitten war. Ich war vollauf damit beschftigt, die Routinearbeiten eines lebhaften Haushaltes mit dem Schreiben unter einen Hut zu bringen, was keine Kleinigkeit war. Es gab verschiedene Aktivitten mit den Mdchen, die ich erledigen musste. Aimee wollte zu ihrer Reitstunde gefahren werden, Sarah musste ich bei ihrer Freundin abholen, die in den Bergen oben wohnte. Mir schien, ich arbeitete rund um die Uhr, um mit den Hausarbeiten fertig zu werden, tagsber zu tippen und zum Schreiben aufzubleiben, bis um zwei oder drei Uhr in der Frh. Kein Wunder, dass die Woche an mir vorbeiflitzte wie ein Zug durch die einsame Prrie. So brach der Sonntag an, strahlend und schn. Wieder machte ich meine gewohnte Reise hinauf in den Pike National Forest. Dieser festliche Tag hatte meinen Geist vollauf eingenommen. Und ich fhlte mich stark versucht, an No-Eyes Abzweigung vorbeizufahren, um den ganzen Tag in herrlicher Abgeschiedenheit zu verbringen. Ich wusste jedoch, ich musste diese entscheidende Wegbiegung nehmen. Es gab jemanden, der auf mich wartete und mir sehr lieb war. Ich wurde erwartet. Dieser schne Morgen war von warmem Sonnenschein durchflutet. Keine schattigen Wolken begrten mich, wie dies am letzten Wochenende der Fall gewesen war. Vielleicht konnte ich die Alte heute zu einem Waldspaziergang berreden. So oft schon hatten meine Lektionen im Freien stattgefunden. Als ich an diese besonderen Tag zurckdachte, erinnerte ich mich, wie schwer es mir fiel, mich auf die Worte der alten Frau zu konzentrieren. Ich lie meine Gedanken dann wandern unter den sorglosen Geschpfen der Natur rund um mich, und No-Eyes musste ihre geistige Weidenrute hervorholen, um ihre widerspenstige Schlerin wieder zur Sache zu bringen. Ich grinste beim Gedanken an diese heiteren Zeiten. Und ich wusste, so etwas meiner anspruchsvollen Lehrerin vorzuschlagen, kme gar nicht in Frage.

Trotzdem. Ich hielt an und lief zur Htte hinauf. No-Eyes hatte die Tre offenstehen, und ich guckte hinein. Sie warf mich beinahe um, als sie hinauseilen wollte. Summer, wir gehen heute aus, platze sie aufgeregt heraus. Ich machte groe Augen. Wir werden drauen sein? Mmh! Ich will zuerst sehen, wie lange wir es aushalten. Sie wedelte mit dem Finger vor meinem Gesicht. Ich war so glcklich ber ihre Einwilligung, die Lektion drauen abzuhalten. Ich nahm an, dass sie dachte, es wrde nicht lange dauern, bis meine Gedanken woanders hinwanderten und sie disziplinarische Mittel ergreifen und das Schulzimmer zurckverlegen msse in die Enge der Htte. Ich wollte mich ernsthaft bemhen, mich nicht ablenken zu lassen. No-Eyes zog das bunte Wolltuch enger um ihre magere Gestalt und stieg die unbehauenen Holzstufen hinunter. Ich hatte natrlich geglaubt, wir wrden uns auf die alten, geflochtenen Sthle setzen vor ihrem Haus. Eifrig schwirrte ich an ihr vorbei, um sie aus dem khlen Schatten ins warme morgendliche Sonnenlicht hervorzuholen. Ihre scharfe Stimme zerri die Stille der Berge. Was machst du, da? Ich erstarrte auf der Stelle. Ich wollte nur die Sachen fr uns herrichten, damit Ihr krummer Spazierstock hmmerte auf den Boden wie ein auer Kontrolle geratener Rammklotz. Komm hierher! schnauzte sie mich an. Wir werden nicht hier sitzen bleiben wie zwei Warzen auf einer Krte! Wir werden heute in den Wald gehen. Ihre Worte versetzten mich in Erregung. Dies wird ja ein geradezu erfreulicher Tag, dachte ich, als ich an ihre Seite eilte. Die Alte versank in einen Quell der Beobachtung. Und als sie ihre Gedanken besttigt fand, wies sie ihre ungestme Schlerin mutig in die Schranken. Summer wird heute zuhren! Summer wird heute nicht zum Vergngen drauen sein! Ja, ja, Maam! gab ich zurck und versuchte mein Kichern zu unterdrcken. Sie sprte den Ungehorsam, fuhr flink herum und schwenkte ihren abgegriffenen Stock nach mir. No-Eyes warnt Summer. Sie versuchte streng zu bleiben, aber ein leichtes Grinsen breitete sich aus und hob die runzligen Wangen. Ich lchelte zurck. Du meinst nur, du seist streng. Aber ich kenne dich zu gut, um dieses Theater zu glauben. Mmh! murmelte sie mit glitzernden Augen, die ihre Ernsthaftigkeit Lgen straften. Wir wanderten den Hgel hinunter und gelangten in den in Sonne getauchten Wald. Bald darauf begann die Unterrichtsstunde. Heute werden wir darber reden, was der neue Phnix sieht, wenn seine Augen umherschauen. Gut, antwortete ich und zgelte meine Gedanken, um mich zu konzentrieren. Gewandt stie sie ihren Stock auf den steinigen Boden. Sie wusste genau, wo sie ging, da sie seit Jahren diese tiefen Wlder abgewandert war, ohne zu sehen. Wenn der neugeborene Phnix den Kopf drauen hat, wenn er genug wahrnimmt, ffnet er die roten Augen, und er wird hinauf in den Himmel schauen. Er wird ber alle Lnder, ber alle Wasser schauen. Er wird Menschen sterben sehen. Er wird Menschen weinen sehen. Ich hob einen geraden Ast auf, der heruntergefallen war, und benutzte ihn als meinen eignen Spazierstock. No-Eyes, was wird der Phnix sehen? Ich komme noch dazu. Sie richtete ihren Kopf auf und horchte gespannt. Hrst du die geflgelten Wesen? Ja, erwiderte ich und blinzelte durch das gefilterte Sonnenlicht dorthin, wo eine

Bergdrossel sa. Sie sind zum fliegen gemacht. Bei ihnen kann nichts schiefgehen. Sie wissen, wo sie hingeben. Sie fliegen, weil Groer Geist gibt ihnen Flgel. Summer, den Menschen ist es nicht bestimmt, zu fliegen in der Luft wie geflgelte Wesen. Sie schttelte langsam ihren Kopf. Die Menschen machen schlechte Sachen. Sie fliegen in schlechtem Ding. Die Dinge gehen kaputt, Menschen fallen vom Himmel herunter zurck auf den Boden, wo sie ohnehin sein sollten. Geflgelte Wesen gehren in den Himmel. Menschen gehren jedenfalls nicht in den Himmel. No-Eyes, die Menschen haben tolle Flugzeuge gebaut. Meistens sind es sehr sichere Maschinen. Nein. Menschen machen Maschinen, um zu fliegen. Die Mensche machen, dass die Zeit schneller vergeht mit den Himmelsmaschinen. Die Menschen gehen zu rasch vorwrts und zuviel, wegen den Himmelsmaschinen. Oh, sicher, das ist wahr, stimmte ich zu und stie an ein glnzendes Stck Glimmer, in dem sich ein Sonnenstrahl spiegelte, aber mchtest du, dass wir immer noch Pferde brauchen? Sie wlzte meine leichthin gemachte Bemerkung in ihrem Kopf hin und her. Vielleicht. Sie stieg vorsichtig ber einen heruntergefallenen Ast. Und auch llampen, holzbeheizte Herde und Toilettenhuschen im Hinterhof? Vielleicht. No-Eyes, dann wren keine Bume mehr brig. Ich glaube, du hast nicht daran gedacht. Mmh! Ja nun! No-Eyes denkt immer die Dinge zu Ende. Ihre Ebenholzaugen richteten sich auf mich. No-Eyes kann noch mehr jemandem sagen, den ich kenne. Was ist mit Sonnenenergie, Wasserkraft und Wind? He, Summer ? Was ist mit all diesen Dingen? Wie steht es mit der Energie aus dem kraftvollen Magnetfeld der Mutter Erde ? Nun ja, aber Keine Aber! No-Eyes lehrt Summer, nicht nur in geraden Linien zu denken. No-Eyes lehrt Summer, um die Ecken zu schauen. Sie seufzte und ging weiter. Summer, die Menschen sind zu schnell und zu weit gegangen. Sie sind zu schnell in die falsche Richtung gegangen. Sie haben schon vor langer Zeit den richtigen Weg verpasst. Ich stimmte dem bei und sagte es ihr auch. Was Energie anbelangte waren die Wissenschaftler sicherlich weit ab vom beabsichtigten Pfad. Ich musste an die Atomkraftwerke denken, die fr Mutter Erde ein Abscheu waren. Wir werden darber ein andermal sprechen. Das wird ein Teil von neuer Sache in Zukunft sein. Atomkraftwerke? Was brig bleibt von solchen Sachen, schlo sie. Stille. Wir schwenkten vom gut begangenen Pfad in einen von ihr seltener benutzten ab. Sie streckte mir ihre Hand hin. Und wir wanderten eine Weile in stiller Einsamkeit. Die Schwere unserer langen Schweigens begann mir auf die Nerven zu gehen. Ich suchte Zerstreuung. Und die reizvollen Bilder und Gerusche meines Schulzimmers zogen mich zur rechten Zeit schnell in ihren hypnotischen Bann. Physisch ging ich immer noch an der Seite meiner Lehrerin, aber in Gedanken und geistig war ich in einen anderen Bereich meiner Welt getreten. Erdhrnchen schossen aufgeregt aus dem ppigen Unterholz hervor und verschwanden wieder. Das leuchtende Blau der Bergdrossel fing meinen Blick auf, und ich schaute zu, wie sie leicht von einem Espenzweig zum anderen flatterte. Und das weiche Sonnenlicht verwandelte in mystischer Weise die goldenen, zerbrechlichen Bltter in durchschimmernde Glasstcke, die ein Kaleidoskop von

Farben widerspiegelten durch die waldigen Tunnel der gewlbten Tannen und Kiefern. Hinter den Augen sprte ich eine vertraute Benommenheit. Mein Bewusstsein begann sich unwillkrlich in diesen ursprnglichen Alphazustand zu heben. Ich hatte vorher mir selber versprochen, dies nicht mit mir geschehen zu lassen. So strengte ich mich an, wieder zurck in mich selber zu kommen. Als ich mich wieder meiner aufmerksamen Lehrerin zuwandte, versuchte ich sofort, meine Unaufmerksamkeit, wieder gut zu machen. Was hast du gesagt ber die Flugzeuge ? Was meintest du damit ? Die Augen der weisen Frau wurden schmal, es sah aus, als ob sie sagen wollte, es sei langsam Zeit, dass ich wieder ins Schulzimmer zurckkme. Sie uerte aber kein Wort des Tadels darber. Sie zog es klugerweise vor, mein schlechtes Betragen zu bersehen. Phnix sieht schlimme Abstrze Er sieht Flugzeuge zur Erde fallen. Viele, viele fallen herunter. Manche stoen in der Luft zusammen und fallen dann herunter. Manche fallen ganz kurz, bevor sie berhaupt richtig in der Luft sind. Was bringt diese Flugzeuge zum Absturz ? Nichts Geheimnisvolles hier. Viel schlechtes Zeug wird bei allen sich bewegenden Maschinen sein. Das ist alles. Grere Unflle werden mit Flugzeugen passieren, ist das richtig ? Das ist so, Summer, gab sie in einem Ton zu, der deutlich zu verstehen gab, dass da noch mehr dahinter war. Aber nicht nur mit Flugzeugen, wand ich mich. Das stimmt auch. Vor langer Zeit war No-Eyes in einem Zug. Das war, als No-Eyes hierher kam von Red Mountains in Minnesota. Jetzt gehe ich nicht mehr auf diese Art heim. Zge sind nicht sicher ! Viele sehr schlimme Unflle werden passieren. Sie senkte ihre Stimme. Seltsame Unflle. Und Busse ? Busse transportieren die Leute quer durchs Land. Nein. Summer soll nicht mit einem Bus gehen. No-Eyes, versuchte ich sanft zu erklren, die Menschen brauchen irgendwelche Verkehrsmittel, um zu reisen. Sie knnen nicht berallhin zu Fu gehen, wo sie hin mssen. Das spielt keine Rolle. Zu Fu gehen ist auch schlimm. Schweigen. Tap. Tap. Ihr Stock stie an ein neues Hindernis, das den schmalen Weg versperrte. Ich werde es wegnehmen. Ich rolle den Felsbrocken aus Granit aus dem Weg. Wir setzten unseren Spaziergang fort. No-Eyes? Ja? Es wird weder in einem Flugzeug noch in einem Zug oder Bus sicher sein zu reisen, nicht wahr ? Nein. Auch nicht in einem Auto, der Untergrundbahn, einer Einschienenbahn, mit dem Motorrad oder Fahrrad? Das stimmt. Und es wird auch nicht sicher sein, nur die Strae zu berqueren. Summer macht sich jetzt richtiges Bild. So werden irgendwann in Zukunft alle Arten des Transportes von unerklrlichen Unfllen betroffen. Ja. Und die Hufigkeit dieser unerklrlichen Reiseunflle wird mit der Zeit zunehmen. Das stimmt ungefhr.

Warum ist das so? Was macht alle Reisearten so gefhrlich? Hat Summer die Lektionen vor vielen Monaten vergessen ? Summer erinnert sich nicht an das, was No-Eyes sagte ber die Erdbewacher, die solche Ereignisse nicht mehr verhindern? Ich war richtig verlegen. Ja, ich erinnere mich daran. Du erzhltest mir, wie sie immer wohlwollend Unfllen und negativen Wetterentwicklungen zuvorgekommen sind, um Todesflle in groem Umfang zu verhindern, aber dass sie jetzt die Menschheit ihre eigenen, unbedachten Fehler machen lassen. Du sagst, die meisten Unflle passieren aufgrund des ungeheuerlichen Mangels an Bewusstheit des menschlichen Geistes. Und du sagtest auch, es sei an der Zeit, dass die Erdbewacher die Menschen merken lassen, wie nachlssig sie die ganze Zeit ber waren. Sie nickte. Das ist es, was No-Eyes meint, wenn sie sagt, die geflgelten Wesen wissen, wohin sie gehen. Sie haben keine Maschinen, die versagen. Sie knnen keine Fehler machen, weil ihnen ohnehin bestimmt ist, die ganze Zeit zu fliegen. Sie brauchen keine Luftmaschine, die kaputtgeht. Sie brauchen nicht zu reparieren. Mmm, seufzte ich nachdenklich. Dann knnten vielleicht viele der greren Unflle vermieden werden, wenn die betreffenden Maschinen regelmig gewartet und mit Sorgfalt gewartet und repariert werden. Mag sein, kam ihre einsilbige Antwort, die deutlich an berzeugung mangelte. Das meiste wird trotzdem geschehen. Ich sah darin keine Logik. Aber warum ? Wenn die Menschen vorsichtiger und gewissenhafter sind, warum sollen dadurch nicht viele Unflle verhindert werden = Sie hatte Verstndnis fr meine Zuversichtlichkeit. Die Leute sind zu geschftig, um Zeit zu haben. Sie sind die ganze Zeit in Eile. Die Menschen nehmen sich nicht die wichtige Zeit fr Sachen der Erkenntnis, der Wahrnehmung. Sie sind zu faul dazu. Ich klammerte mich an meinen Strohhalm. Aber wenn das ihnen bewusst gemacht werden knnte, wenn sie einshen, dass sie sich Zeit nehmen mssen, um bewusster zu werden, wrde das nicht helfen ? Nein, kam die Ernchterung. Ich begreife das nicht, sagte ich mit gerunzelter Stirn. Die Menschen werden nie lernen. Es ist ohnehin zu spt. Die Menschen haben den bequemen Weg gern. Die Leute sind dumm, das ist alles. Schweigen. Sie hatte vollkommen recht. Die meisten Menschen wrden fr alles den leichteren Weg whlen. Dies schien eine allgemeine Eigenschaft zu sein. Wegen der kummervollen Prfungen, die mit meiner Suche verbunden waren, hatte ich kein Verstndnis fr diese Art Faulheit, aber ich sah indessen berall die Beweise fr den damit angerichteten Schaden. Und keine der noch so vielen Vorwarnungen wrde eine nderung erreichen. Die Menschen nehmen die harten Seiten des Lebens nicht hin oder die schwierigeren Entscheidungen, bevor sie sehen, dass es zu spt ist. Und erst in der Rckschau versuchen sie, eine nderung zu bewirken, aber erfolglos es ist einfach zu spt. No-Eyes, ich hatte frher nie viel fr Flugzeuge brig, jetzt wei ich, dass ich nie wieder eines besteigen werde. Ich habe mich immer davor gefrchtet nicht vor dem Fliegen, da ich den eigentlichen Flug wirklich geno, aber vor dem Herunterfallen. Das ist so lustig! piepste sie hinter vorgehaltener Hand. Ihr pltzliches Kichern berrumpelte mich. Ich meinte es nicht komisch! Es war mir ernst! Sie kicherte. No-Eyes wei das. Darum ist es ja gerade so komisch.

Und ich musste auch lachen beim Anblick ihrer zahnlosen Heiterkeit. Meine Freundin setzte sich auf einen groen Felsblock, legte ihren Spazierstock auf den Scho und winkte mir, mich neben sie zu setzen. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihr. Summer, es ist wirklich schlimm, dass die Menschen die Dinge nicht einsehen. Es ist so, so schlimm. Ja, ich wei. Ich zeichnete mit meinem Stock verschlungene Mandalas in den staubigen Boden. Die Sonne stand hoch am Himmel. Wir genossen die wohltuende Wrme auf unserem Gesicht. Ganz nahe stand ein Elch, still wie eine Statue, beobachtend, witternd. No-Eyes sprte sofort die gewichtige Erscheinung und sandte ihre kraftvolle Seele aus, um sie zu gren. Das herrliche Tier streckte seinen kniglichen Kopf und tat einen vorsichtigen Schritt vorwrts. Die Frau war tief in diesen besonderen Augenblick versunken. Ich erstarrte aus Furcht, mit der geringsten Bewegung unseren unschuldigen Freund zu erschrecken und zu verjagen. Ich sprte die starke Elektrizitt, die NoEyes aussandte. Die Luft war mit einer enormen Spannung aufgeladen. Wir standen regungslos. Das Tier trat mutig aus dem dichten Waldsaum hervor. Wieder reckte er sein mchtiges Haupt. Ich sprte den starken Strom, der der Konzentration der alten Frau entsprang. Das Tier tat noch einen verstohlenen Schritt auf uns zu. Mein Herz trommelte wie wild gegen meine Rippen. Ich sandte freundliche und liebevolle Gedanken der merkwrdigen vierbeinigen Person entgegen. Er wurde verwegener. Seine angeborene Furcht war verschwunden. Er war so nah! Dann, schnell wie das Augenzwinkern einer Eule, sprang er fort und war verschwunden. Ich machte einen tiefen, von Spannung erfllten Atemzug. Und No-Eyes seufzte leicht. Das war ein ganz Schner. Was ist eigentlich geschehen ? Du hast dich so gut mit ihm verstanden. Summer war nicht aufmerksam, flsterte sie geheimnisvoll. Ich suchte das Laub ab beim Waldrand und sah einen Koyoten, der dort versteckt kauerte. Der wrde den Elch nicht angreifen! Das hat aber Elch erschreckt! Das bedeutet trotzdem Gefahr fr ihr. Das ist wirklich schade. Das alles ist Teil des Lebens in den Bergen. Die Mchtigen kommen. Sie kndigen dich an. Sie nehmen einige stille Minuten an dir Anteil. Dann gehen sie. So. Das ist die Art der wilden Natur. Schade, dass die Menschen ihre Sinne nicht entwickeln wie die Vierbeiner. Ja. Das sind die Menschen, ber die wir gesprochen haben. Ich wurde melancholisch. No-Eyes, warum mu es so sein? Warum nehmen die Menschen nicht mehr wahr? Sie sind einfach faul, Summer. Das ist alles. Es gibt keinen anderen Grund als diesen. Knnte es nicht auch das Karma sein? Was, wenn sie alle ihre vergangenen Leben in Bequemlichkeit vertrdelt haben, knnte das keine Erklrung fr ihre Faulheit in diesem Leben sein? Ja, und? Nun, das knnte eine Erklrung sein. Das ist keine Erklrung! Das vergangene Leben, viele vergangene Leben sind kein guter Grund, um nicht in diesem Leben wieder etwas gutzumachen und es ins Gleichgewicht zu bringen, siehst du? Ich verstand, widerwillig. Ich glaube schon. No-Eyes wei, dass Summer begreift. Summer sucht nur Entschuldigung fr dumme Leute.

Schweigen. Wir hrten dem unaufhrlichen Plappern der herumtollenden Eichhrnchen zu und verloren uns in unseren eigenen Betrachtungen. Ich wunderte mich ber die vielen unbewuten Leute, die ich tglich um mich herum sah. Merkten sie nicht, dass groe Dinge in nicht allzu weiter Entfernung im Gange waren ? Ich sah keine Zeichen der Vorbereitung, physisch oder geistig. Oh, ich kannte einzelne Gruppen von Leuten in den Bergen, die glaubten und jede Gelegenheit wahrnahmen, um sich krperlich fr die raue Zukunft vorzubereiten, aber im groen und ganzen schien jeder besessen zu sein von Sorgen ber die nichtssagendsten Dinge. Fr mich war dies unglaublich schwer zu akzeptieren. Der allgemeine Mangel der Massen an Bewusstheit lie sie wie gedankenlose Roboter erscheinen, die ihr Leben mit Scheuklappen verbrachten. Ich dachte daran, wie ich zuweilen Leuten zuhrte, die sich ber seltsame Ereignisse unterhielten, aber niemand war bewusst genug, um die merkwrdigen Vorkommnisse miteinander in Verbindung zu bringen. Niemand nahm sich die Mhe, die Puzzle-Teile der Zeichen zusammenzufgen. Niemand war wach genug, um das Bild in seiner ganzen Bedeutung zu sehen. Ja. Das ist richtig, Summer. Ich stie sie gutmtig in die Rippen. Hr mal, du Frechdachs! Weit du nicht, dass es sich nicht gehrt, die Gedanken anderer Leute auszuspionieren? Summer ist nicht irgend jemand hier. Summer ist No-Eyes Schlerin. Summer ist No-Eyes Freundin. Sie war unglaublich. Ich umarmte sie fest. Sie wusste, dass es mir nie etwas ausmachte, wenn sie in mich hineinhorchen wollte. Auerdem wusste ich, dass sie immer nur von den reinsten Gedanken beseelt war. Ein weiser, geistiger Schler wei von selber, dass er nie etwas vor seinem Lehrer verbergen knnte, warum also berhaupt versuchen ? Ich lernte viel ber mich selber, wenn No-Eyes meine Gedanken, meinen Denkproze analysierte. Wenn nichts privat bleibt, wenn alles offen daliegt, dann findet das eigentliche Lernen statt. Und glaut mir, es ist eine ziemlich qualvolle Erfahrung, aber eine, die unschtzbar wichtig ist. Es ist heute schn hier. Ja, das ist wirklich wahr. Sie beugte ihren Kopf, als ob sie etwas am Boden suchte. Es ist besonders schn mit Summer hier. Komplimente oder Bemerkung, die ihre tiefen Gefhle mir gegenber enthllten, gab es nur wenige und nicht oft, sie waren in der Tat ausgesprochen selten. Wenn sie in Worte gekleidet wurden, rhrten sie mich tief. Und jetzt lieen ihre Worte mein empfindsames Herz berquellen. Ich legte meine Hand auf ihren Arm. Ich liebe dich auch, No-Eyes. Die Sonne berhrte sanft die beiden Frauen in der Waldlichtung. Ein kniglicher Elch guckte aus dem Dickicht der Squawbuschstrucher hervor. Er witterte einen neuen Geruch im Wind. Neugierig streckte er seinen Kopf vor, hob ihn in die Luft und blies seine Nster weit auf, als ihm die frische Herbstbrise den Duft der Freundschaft zutrug, der von der rosigen Aura um die beiden Frauen in der Waldlichtung ausging. Kapitel 4 - Horchen Horchen Und der Neugeborene reckt seinen schimmernden Kopf. Er reckt seinen Kopf und horcht auf die Verzweiflungsschreie der Menschheit

Der Sonntagmorgen brach strahlend anmit einer besonderen Klarheit in der Luft, die das Bild des gestrigen Tages spiegelte. Ich war froh, da die herrlichen Herbsttage in