Rächer der spanischen Krone

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    08-Jan-2017

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    1. An jenem Abend Mitte September 1593, an dem die Seewlfe mit dem Franzosen Honore Letray an Bord der Isabella IX. Rabbit Island ansteuerten und auf diesem Eiland vor der Festlandkste eine immense Schatzbeute vereinnahmten, liefen fnf gut armierte spanische Galeonen sehr viel weiter stlich in den Hafen von Pensacola ein. Dort, an der Nordwestkste von Florida, hatten die Spanier einen Sttzpunkt errichtet - in der Hoffnung, von hier aus den nrdlichen Golf von Mexiko besser kontrollieren zu knnen. Schnapphhne aus der Karibik trieben dort ihr Unwesen, aber es galt auch, andere Neugierige von dem Land fernzuhalten, das vielleicht Reichtum barg und erst von ein paar Konquistadoren erforscht worden war. Dieses Land mute von unheimlicher Gre sein - ein Grund mehr, es gegen Glcksritter, Abenteurer oder gar forschende Seefahrer aus den anderen Lndern der Alten Welt abzuschirmen oder zu verhindern, da andere Mchte aus dem alten Europa an diesen Ksten Fu faten und womglich ihrerseits Sttzpunkte errichteten. So herrschte in Pensacola ziemliche Aufregung, als die fnf spanischen Kriegsgaleonen unter dem Kommando des Don Augusto Medina Lorca einliefen, im Hafen vertuten und die sehr ehrenwerten Senores des Flaggschiffs Santa Veronica sehr schnell an Land gingen, kaum da die Stelling ausgebracht war. Die Mienen dieser sehr ehrenwerten Senores versprachen wenig Gutes und sahen insgesamt so aus, als seien ihnen einige Luse-Geschwader ber die Leber gelaufen. Die Herumlungerer und Tagediebe, die es hier genauso wie in allen Hfen der Welt gab, registrierten diese miesen Mienen der sehr ehrenwerten Senores und erbauten sich daran, weil so etwas selten geschah. Denn sonst pflegten die Senores sehr hochmtig dreinzuschauen, etwa so, als

    seien sie Seine Allerkatholischste Majestt im fernen Spanien hchstselbst. Dieses Mal waren sie nicht hchstselbst, blickten auch nicht blasiert ber das Hafengetriebe, als sei alles ein einziger Ekel, nein, sie stierten bodenwrts, obwohl dort Dreck und Unrat herumlag, der sonst fr ihre hochwohlgeborenen Augen eine Beleidigung war. Und das freute die Strolche im Hafen, die Penner, Eckensteher und Faulscke, die als menschliches Treibgut zu bezeichnen waren, durch irgendeinen Wind an diese ferne Kste geschwemmt und hier hngen geblieben. Als die Senores in der Kommandantur verschwanden, rissen die Kerle dann doch die Augen auf, und ihr hhnisches Grinsen verflchtigte sich, denn weitere Personen trabten ber die Stelling an Land, aber das waren wei Gott keine Hochwohlgeboren, nein, das waren eher Typen ihres Schlages. Die Tagediebe hielten Maulaffen feil. Das taten sie sonst auch nach Art ihres beschftigungslosen Herumtrdelns, aber jetzt gerieten sie doch ins Staunen. Denn die Kerle, die nach den Senores das Flaggschiff verlieen, waren gefesselt und wurden von mindestens doppelt so vielen Seesoldaten bewacht. Diese Kerle sahen zum Frchten aus. Noch frchterlicher - und das war wie ein Hieb in die Magengrube - wirkte das groe knochige Weibsbild, das indianischer Abstammung zu sein schien. Aber eher war vorstellbar, da diese Hexe der Hlle entstammte und demnach nicht gefesselt sein durfte, sondern auf einem Besen durch die Lfte htte reiten mssen. Einer der Herumlungerer zischte: Mardengo und Oka Mama, des Teufels Gromutter! Und damit verschwand er, als sei der. Leibhaftige samt Familie und Gefolge an dieser Kste erschienen, um Pensacola mit Feuer, Pech und Schwefel auszurotten und auszuruchern. Es stimmte, was er den anderen zugezischt hatte - bis auf die Tatsache, da Oka Mama nicht des Teufels Gromutter, sondern die Mutter Mardengos war. Aber das kam fast aufs selbe hinaus, ob nun Mutter oder

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    Gromutter. Denn Mardengo selbst war ein Teufel, der Teufel von Florida, das er den Spaniern mit seinem Angriff auf Fort St. Augustine hatte entreien wollen. Die Kerle, die am Hafen herumlungerten, gaben Fersengeld, zumal die Seesoldaten ausschwrmten und mit ihren angeschlagenen Musketen sehr deutlich unterstrichen, da sie rcksichtslos schieen wrden, falls der Pbel versuchte, den Galgenvogel Mardengo, seine Oka Mama und die Bande zu befreien. Aber da konnten sie ganz unbesorgt sein. Die Tagediebe hatten vor Mardengo und seinem Haufen mehr Angst als vor der bewaffneten spanischen Macht. Sogar gefesselt war diese berchtigte Piratenbande immer noch furchterregend. Zwar sahen sie allesamt ziemlich gerupft aus, aber gerade ihre Blessuren zeigten an, da mit ihnen nicht zu spaen war. Fnfzehn Kerle waren es, die mit Mardengo und Oka Mama zur Feste getrieben wurden, wo man sie in den Kellerverliesen einlochen wrde. Das Ganze war ziemlich rtselhaft. Wenn man Mardengos Piratenhorde zerschlagen und ihn selbst mit Oka Mama und fnfzehn Kumpanen gefangen hatte, warum bliesen die ehrenwerten Senores dann Trbsal, statt sich ber den Fang zu freuen? Sehr merkwrdig war das. In Pensacola wucherten die Gerchte und trieben seltsame Blten. Schon Tage zuvor war bekannt geworden, da Indianersklaven in dem spanischen Lager an der Waccasassa Bay rebelliert htten und mit einer nagelneuen Galeone in den Golf von Mexiko geflohen wren. Das mute man sich mal vorstellen! Halbnackte Wilde auf einem Schiff Seiner Allerkatholischsten Majestt! Allerdings sollte diesen dreisten Wilden ein schwarzhaariger Teufel geholfen haben, als Don Bruno Spadaro mit seiner Galicia die Ausbrecher auf See gestellt hatte. Die Galicia war ohne Fockmast und mit ziemlichen Brandschden nach Pensacola zurckgekehrt, gewissermaen auf einem Fu hinkend. Dieser schwarzhaarige Teufel - man erzhlte sich,

    er sei aus England - und seine hllischen Gesellen sollten bei dem Gefecht mit der Galicia regelrecht Feuer gespuckt haben, Feuer aus Flaschen! Ja, dieser Teufel aus England sollte mit dem Teufel Mardengo einen unheiligen Bund geschlossen haben mit dem Ziel, alle spanischen Siedlungen in der Neuen Welt einzuschern, die Frauen zu entfhren und zu verhexen und die Mnner am Halse lang zu ziehen oder ber dem Feuer zu rsten. Die Leute von Pensacola einschlielich der Tagediebe sahen dunkle Wolken ber sich aufziehen. Vielleicht stand sogar der Weltuntergang bevor. Da sollten die hllischen Mchte vorher besonders wild toben und ihr Unwesen treiben - sagten die frommen Padres! Indessen versammelten sich folgende Senores in der Stadtkommandantur: Don Augusto Medina Lorca, Befehlshaber des Verbandes der fnf Kriegsgaleonen, mit denen er eigentlich zu dieser Zeit lngst auf dem Wege nach Spanien sein sollte, Don Lope de Sanamonte, Kommandant von Fort St. Augustine, den die Seewlfe um einen Schatz erleichtert hatten, der dem spanischen Knig zugedacht gewesen war, und Don Jose Isidoro, Kapitn der auf ein Riff gelaufenen und dann von Duvaliers Piraten ausgeplnderten Santa Teresa, sowie sein Erster und sein Zweiter Offizier, zusammen mit ihrem Kapitn die drei einzigen berlebenden dieser Kriegsgaleone. Diese fnf Senores hatten soeben das Flaggschiff Santa Veronica verlassen und darum gebeten, in der Kommandantur sofort mit den Befehlshabern der Stadt und des Hafens sowie dem Vertreter der Admiralitt sprechen zu knnen, da sie wichtige Nachrichten htten. Diese Senores wurden hastig zusammengetrommelt. Es erschienen: Don Bruno Spadaro, Kapitn der Kriegsgaleone Galicia, Don Angelo Baquillo, Kommandant des spanischen Lagers und der Werft an der Waccasassa Bay, ferner Don Moreno Borgo-Antigua, der Vertreter der Admiralitt, sowie der Stadtkommandant und der Hafenkapitn.

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    Eine illustre Gesellschaft war das, die hier in der Kommandantur zusammentraf und sich im groen Beratungsraum an einem mchtigen Rundtisch auf die lederbezogenen Sthle niederlie, nachdem man einander begrt und die blichen Floskeln ausgetauscht hatte. Wren die Tagediebe anwesend gewesen, dann htten sie ein zweites Mal hmisch grinsen knnen, denn auch die fnf hinzugekommenen Hochwohlgeborenen hatten Friedhofsmienen aufgesetzt, als gelte es, einen teuren Toten zur letzten Ruhe zu betten. Da nutzte es wenig, da ein herausgeputzter Diener auf einen Wink des Stadtkommandanten hin den Senores rubinroten Wein in funkelnden Glsern servierte. Man prostete sich gemessen, eher verdrielich, zu, der Diener schenkte noch einmal nach und mute sich dann entfernen, damit die Senores unter sich sein konnten. Don Moreno Borgo-Antigua als der Ranglteste unter den Senores richtete den Blick auf Don Augusto Medina Lorca, rusperte sich und sagte: Was haben Sie zu berichten, Don Augusto? Er runzelte die Stirn. Ich bin sehr verwundert, Sie hier in Pensacola anzutreffen. Sie hatten doch Order, Fort St. Augustine anzulaufen, dort die fr Seine Majestt bestimmte Gold- und Silberladung zu bernehmen und unverzglich nach Spanien zu bringen. Oder irre ich mich? Don Augusto Medina Lorcas rechtes Augenlid begann zu zucken. Das passierte, wenn er aufgeregt war. Nein, Sie irren sich nicht, Don Moreno, sagte er gepret. Tatschlich htte ich mit meinem Verband lngst auf Heimatkurs sein knnen, nur konnte ich die von Ihnen erwhnte Ladung in St. Augustine nicht bernehmen, weil sie nicht mehr da war. Und jetzt folgte der Seitenhieb, der ihn dafr entschdigen sollte, da ihm der Kommandant von Fort St. Augustine seit knapp vier Wochen auf die Nerven gegangen war: Leider war Don Lope als Kommandant von Fort St. Augustine nicht in der Lage, die Ladung, von der wir

    sprechen, sicher zu verwahren. Sie wurde ihm geraubt! Don Moreno, der Beauftragte der Admiralitt, sa da, als habe ihm jemand ein Brett vor den Kopf geschlagen. Was sagen Sie da? flsterte er. Geraubt? Die Gold- und Silberladung wurde geraubt? So ist es, erwiderte der Generalkapitn. Er weidete sich an dem wtenden Gesichtsausdruck Don Lopes, des Kommandanten von Fort St. Augustine, der ja die ganze letzte Zeit bei ihm an Bord gewesen war und alles besser gewut hatte. Jetzt habe ich dir's gegeben, du Krte, dachte er. Das ist ja nicht zu fassen, murmelte Don Moreno erschttert. Dann zuckte sein Kopf herum zu Don Lope de Sanamonte, und er fragte scharf: Wie konnte das geschehen? Der etwas schwammige Don Lope schwitzte und zwirbelte seinen schwarzen Spitzbart, was er immer tat, wenn er ratlos oder wtend war. Das - das Fort wurde Opfer eines hinterhltigen berfalls! stie er hervor. Das Fort hat als uneinnehmbar gegolten! schnappte Don Moreno. Dafr sind Unmengen von Geld ausgegeben worden, wie Sie selbst wohl am besten wissen. Sie haben doch stndig lamentiert, es fehle zum Ausbau des Forts noch dies und das und verlangten von der Staatskasse die entsprechenden Mittel! Don Moreno wurde immer erregter. Mir scheint, hier wurden unsere Gelder zum Fenster hinausgeworfen! Und wer, bitte sehr, hat das Fort berfallen? Mardengo und seine Mrderbande. Don Lope schnaufte. Dank meiner Initiative konnte er spter berwltigt und festgenommen werden. Ich veranlate ... Don Augusto Medina Lorca, der Generalkapitn, unterbrach ihn mit einem hhnischen Lachen. Von einer Initiative Ihrerseits kann wohl keine Rede sein. werter Don Lope! Veranlat haben Sie schon gar nichts, weil Sie ber meinen Verband gar keine Befehlsbefugnis haben. Das wre ja auch noch schner. Sie waren

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    lediglich Gast bei mir an Bord, als meine Schiffe die Verfolgung Mardengos und des Englnders aufnahmen ... Jetzt fuhr Don Moreno wieder dazwischen. Was fr eines Englnders, zum Teufel! Ich denke, Mardengo hat das Fort berfallen? Kann mir einer der Senores endlich einmal einen klaren Bericht ber die Geschehnisse geben? Bitte sehr, Don Augusto! Der Generalkapitn hatte Oberwasser, sein rechtes Augenlid zuckte auch nicht mehr. Er hatte starke Bedenken gehabt, entgegen der Order auf eigene Faust im Golf von Mexiko auf Piratenjagd zu gehen, um den geraubten Schatz zurckzuerobern. Die Admiralitt konnte in ihren Entscheidungen sehr eigen sein, und. sie liebte es gar nicht, wenn Verbandsfhrer oder Generalkapitne nach eigenem Gutdnken Aktionen unternahmen, die absolut nichts mehr mit dem ursprnglichen Auftrag zu tun hatten. Aber jetzt sprte er, da Don Moreno, der Beauftragte der Admiralitt, mehr auf seiner Seite stand als auf der Don Lopes. Tatschlich - daran gab es gar nichts zu rtteln - war Don Lope de Sanamonte der eigentliche Sndenbock. Der Generalkapitn sagte: Ich traf mit meinem Verband in Fort St. Augustine ein, als der berfall Mardengos bereits stattgefunden hatte. Dieser Pirat hatte das Fort von der See- und gleichzeitig von der Landseite her angegriffen. Mit sehr schnellen und wendigen Einmastern hatte er fast alle Schiffe im Hafen zusammengeschossen und auch erhebliche Zerstrungen im Hafen selbst angerichtet, whrend ein starker Landtrupp in das Fort eindringen konnte. Merkwrdigerweise tauchte im Laufe des ganzen Kampfes eine recht groe, gut armierte Galeone vor St. Augustine auf, die in den Kampf eingriff und die Mardengo-Bande in die Flucht jagte. Don Lope beging den Fehler, den Kapitn dieser Galeone als Befreier zu begren. Der entwaffnete ihn jedoch, vereinnahmte die fr Seine Majestt bestimmte Schatzladung, lie sie an Bord seiner Galeone schaffen und segelte davon.

    Ich entschlo mich, die Verfolgung aufzunehmen, bei der es mir dann gelang, Mardengos Piratennest auszuheben und ihn, seine Mutter und fnfzehn Kerle seiner Bande gefangen zu nehmen ... Nachdem dieser verdammte Englnder bereits gute Vorarbeit geleistet hatte und ber den Schlupfwinkel der Piratenbande hergefallen war, werter Don Augusto! knurrte Don Lope. Und vielleicht sollten Sie auch erwhnen, da es Ihnen zwar gelungen war, die Galeone des Englnders in Ihren Besitz zu bringen, was den Englnder aber nicht hinderte, Ihnen sein Schiff wieder abzunehmen und erneut zu verschwinden. Jetzt war Don Lopes Stimme voller Hohn. Leider begingen Sie die Dummheit, die Schatzladung nicht sofort auf unsere Schiffe zu verfrachten. Das rechte Augenlid des Generalkapitns begann wieder zu zucken. Dazu war gar keine Zeit! fauchte er. Wir waren an Land in die Kmpfe mit den Piraten verwickelt. Und bitte sehr: Sie htten sich ja mit Ihrem dicken Hintern auf die Ladung setzen knnen, um sie persnlich zu bewachen, nicht wahr? Aber stattdessen standen Sie auf dem Achterdeck herum und meinten, mir unmagebliche Ratschlge erteilen zu mssen. Dieser Einwand Don Augustos ist richtig, sagte Don Moreno und blickte Don Lope tadelnd an. Sie persnlich htten die Ladung berwachen und unter Einsatz Ihres Lebens verteidigen mssen, nachdem das Schiff von Don Augusto erobert worden war. Das wre Ihre Aufgabe gewesen, genau das! Dies um so mehr, weil Ihnen die Ladung bereits einmal geraubt worden war. Auf dem Achterdeck des Flaggschiffs herumzustehen und Ratschlge zu erteilen, halte ich dagegen fr eine ziemliche Unverfrorenheit. Ein Generalkapitn und Geschwaderfhrer wei selbst, was er zu tun hat. Er hat es nicht ntig, sich von einem Fortkommandanten belehren zu lassen, der selbst nicht einmal in der Lage war, sein Fort erfolgreich gegen einen Angreifer zu verteidig...

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