Finanzkrise - was nun?

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    07-Mar-2016

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Analyse vom Research Haus FERI in Bad Homburg

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  • FeriFinanceAG Stand:05.08.2011

    Feri Investment Research

    KurzKommentarzuraktuellenSituation

    1.AktuelleSituation

    * ScharfeKorrekturenandenweltweitenAktienmrktenimVerlaufdieserWoche

    * EZBkauftberraschendseitgesternwiederEuroStaatsanleihen(Irland,Portugal)

    * ZunahmeglobalerKonjunkturundBonittsrisiken(USA,Euroland,China)

    2.Markteinschtzung:

    * PanikartigeVerkufeamAktienmarkt/AnlegersuchenSicherheitzujedemPreis

    * Bundesanleihen(10Y)erstmalsseit54JahrenmitnegativerRealverzinsung

    * AusfundamentalerSichtbertreibung,aberweiterhinhohesEskalationspotential

    3.Ausblick:

    * RckkopplungzwischenKonjunkturundSchuldenproblemenverstrktsich

    * ZunehmenderDruckaufNotenbankenzuroffenenMonetisierung(EZB,FED)

    * WeiterhinhohesPotentialfrberraschendeEventRisks(Politikfehler)

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    Feri Investment Research

    Aktuelle Situation:

    Seit Anfang dieser Woche befinden sich die Finanzmrkte erneut in einem gefhrlichen Krisenmodus. Die groen Aktienmrkte brachen innerhalb weniger Tage um etwa 10 bis 15 % ein und verzeichneten dabei mehr-heitlich neue Jahrestiefstnde. Dabei wurden zuletzt zunehmende Extrembewegungen verzeichnet: So brach der S&P 500-Index gestern innerhalb eines Tages um knapp 5 % ein. Analog auch der DAX, der gestern im Tagesverlauf mehr als 5 % einbte und im heutigen Frhhandel auf einem Niveau von nur noch rund 6150 Punkten notierte. Zur Erinnerung: Noch vor wenigen Tagen stand der DAX bei 7350 Punkten.

    Parallel stieg der Bund-Future als Indikator fr den Rentenmarkt auf neue Hchstwerte von annhernd 134. Entsprechend fielen in den USA und Deutschland die Zinsen fr 10-jhrige Staatsanleihen auf Niveaus von nur noch 2,3 bis 2,5 %. Damit liegen die Renditen wieder auf Niveaus wie zuletzt im Verlauf der groen Finanzkrise.

    Der Goldpreis kletterte ebenfalls und notiert seit Tagen anhaltend ber der Marke von 1650 $/Unze. Hingegen fiel der lpreis zu-letzt deutlich von rund 100 $ pro Barrel der Sorte WTI auf zuletzt nur noch 86 $.

    Der Euro schwchte sich zuletzt wieder deutlich ab. Speziell gegenber dem Schweizer Franken als typische safe ha-ven-Whrung nhert sich der Euro der Pari-tt und notiert bei nur noch 1,08 SFR/; ge-genber dem US-$ fiel der Euro vergleichs-weise moderat auf rund 1,41 $/.

    Markteinschtzung:

    Die Sprache der Mrkte ist somit eindeutig: Jede Form von risikobehafteter Anlage wird verkauft, whrend Anlageformen mit (mut-malich) hohem Sicherheitscharakter zu nahezu jedem Preis nachgefragt sind. Was steckt hinter dieser pltzlichen Panikattacke der Mrkte?

    Eine einfache Antwort ist hier nicht mglich. Wir sehen als Ursachen und Auslser der Bewegung eine komplexe Mischung aus fundamentalen, politischen aber auch psy-chologischen und martkttechnischen Risiko-faktoren. Diese haben sich in den letzten Tagen kumuliert und in ihrer Wirkung teilwei-se deutlich verstrkt.

    Aus fundamentaler Sicht unterstellen die Mrkte derzeit ein Szenario zunehmender Rezessionsangst fr die Weltwirtschaft. Die zuletzt deutlich schwcheren Konjunktur-Frhindikatoren in den USA, aber auch in Deutschland und China, waren hierfr die ersten Auslser. Zwar geben die Frhindika-toren derzeit noch keine ernsthaften Rezes-sionssignale, sie sollten jedoch weiterhin sehr eng verfolgt werden. Tatsache ist, dass die Weltwirtschaft sich bereits seit Monaten sichtbar verlangsamt, aber dennoch weiter-hin wchst. Allerdings besteht weiterhin eine Anzahl der von uns bereits oft beschriebe-nen atypischen Konjunktur-Risiken fort. Die-se sind mehrheitlich nachlaufende Echo-Effekte der groen Finanzkrise und haben, speziell in den USA, eine nachhaltige Erho-lung nach der Krise bisher stark erschwert.

  • FeriFinanceAG Stand:05.08.2011

    Marktkommentar

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    Entsprechend war ein sehr kritischer Faktor die nachtrgliche deutliche Abwrtsrevisi-on der US-Wachstumsdaten fr das erste Halbjahr: Faktisch zeigen die revidierten Zahlen, dass die US-Wirtschaft 2011 kaum gewachsen ist und am aktuellen Rand zu-nehmende Schwche zeigt.

    Ein weiterer Risikofaktor war das politische Tauziehen im US-Kongress um die Anhe-bung der US-Verschuldungsgrenze. Der Welt wurde damit deutlich vor Augen gefhrt, dass die Supermacht USA nicht nur finanzi-ell und konomisch, sondern auch politisch zunehmend berfordert und teilweise hand-lungsunfhig wirkt. Die damit verbundene Verpflichtung zu deutlichen Ausgabenkr-zungen in der Zukunft wurde an den Mrkten als zustzliches Risiko fr eine ohnehin schon schwache Konjunktur interpretiert.

    Auch an der Front der Euro-Schuldenkrise kam es in den letzten Tagen wieder zu er-neuten Zuspitzungen. Nachdem der Fall Griechenland bereits lange eskaliert, stehen nun zunehmend auch die groen Lnder wie Italien und Spanien (sogar auch Frankreich!) unter Druck. Deutlich gestiegene Zinsauf-schlge reflektieren die verstrkte Sorge der Investoren, dass auch diese Lnder sich ber kurz oder lang Bonittsabstufungen und kritischen Refinanzierungsproblemen gegenbersehen knnten.

    Danach folgt eine einfache Arithmetik: Wenn groe Lnder wie Italien nicht mehr als Garantiegeber, sondern selbst als Prob-lemfall am Euro-Rettungsschirm (EFSF) teil-nhmen, verlre die gesamte Struktur des

    EFSF ihre Substanz und Wirksamkeit. Deutschland (und evtl. Frankreich) wren de facto die alleinigen Brgen des EFSF, was weder politisch noch finanziell realistisch sein kann. Die Mrkte haben dieses Gedan-kenexperiment schnell durchgerechnet und ein klares Urteil gefllt: Die Stabilitt des Euro-Systems (sowie des EFSF) wurde er-neut stark in Zweifel gezogen und eine neue Eskalationsrunde am Markt eingeleitet.

    Derartige berlegungen der Mrkte wurden gestern durch uerungen der Politik wei-ter verschrft: Zuerst publizierte EU-Kommissionsprsident Barroso berra-schend einen Brandbrief an die EMU-Regierungschefs, in dem eine Aufstockung der Haftungsmasse fr den EFSF ange-mahnt wurde. Am Nachmittag kam dann noch EZB-Chef Trichet hinzu, der beilufig die Wiederaufnahme des Kaufprogramms fr kritische EMU-Staatsanleihen ankndigte. Beide uerungen hatten den Effekt, latente Sorgen und Risikoszenarien der Marktteil-nehmer nicht zu zerstreuen, sondern im Ge-genteil zu besttigen. (Auf das Gefahrenpo-tential solcher Politikfehler, die schnell zu unkontrollierbaren Marktreaktionen fhren knnen, haben wir bereits seit langem hin-gewiesen.)

    Die Gefhrlichkeit dieses Szenarios sollte nicht unterschtzt werden: Sehr leicht kn-nen daraus selbsterfllende Prophezeiun-gen entstehen, die ein lediglich vermutetes Problem tatschlich erst auslsen. Hinzu kommt die mittlerweile sehr reale Gefahr negativer Rckkopplungen.

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    Feri Investment Research

    Ein Beispiel: Steht ein hoch verschuldetes Land unter Druck und erzwingt der Markt harte Sparmanahmen, wird seine Wirt-schaftskraft in Mitleidenschaft gezogen. Dies kann bis zum Punkt einer Austeritts-Rezession fhren. Je strker die erzwunge-nen Sparmanahmen, desto grer ceteris paribus auch die Wachstumsverluste. Damit sinkt jedoch automatisch die Fhigkeit zum Schuldendienst und die Bonitt verschlech-tert sich erneut. So kann ein Teufelskreis entstehen, der nur schwer wieder gestoppt werden kann. Griechenland ist das jngste Opfer dieser Dynamik, doch auch fr die USA stellen die Mrkte bereits hnliche Be-trachtungen an. Hierin liegt auch in den kommenden Monaten fr viele Lnder noch eine reale Gefahr, die Problem-Eskalationen und groe System-Krisen auslsen kann.

    Ein weiterer Faktor, der die jngsten Markt-bewegungen eher verstrkt (oder sogar mit ausgelst) haben knnte, ist markttechni-scher und psychologischer Natur: Mitten in der Ferienzeit sind viele Anleger nicht voll prsent. Sie haben statt dessen automati-sierte Absicherungsmechanismen fr ihre Portfolios installiert. Werden diese ausgelst, kann es schnell zu Stop Loss-induzierten Kaskadeneffekten kommen. Bereits lau-fende Abwrtstendenzen knnen so sehr deutlich verstrkt und berzeichnet werden, ohne dass ein wirklicher fundamentaler Grund dafr erkennbar wre. Auch dieser Mechanismus drfte in den letzten Tagen eine grere Rolle gespielt haben.

    Fazit und Ausblick:

    Die Vielzahl und die Komplexitt der darge-stellten Faktoren machen deutlich, dass ein-fache Aussagen in der aktuellen Situation kaum mglich sind. Vieles deutet zwar da-rauf hin, dass die Mrkte zuletzt etwas ber-trieben und sich vom fundamentalen Bild weit entfernt haben. So erscheinen Aktien-mrkte vielfach, auf Basis konservativer Gewinnerwartungen und der sehr niedrigen Marktzinsen, eher preiswert als teuer. An vielen Rentenmrkten nehmen Anleger derzeit freiwillig negative Realzinsen in Kauf. Auch das ist ein Zeichen fr extreme Risikoaversion. Sollte sich das fundamen-tale Umfeld der Weltwirtschaft als robuster erweisen, als derzeit an den Mrkten be-frchtet, wrden diese Trends sich wohl deutlich zurckentwickeln.

    Das Problem ist jedoch, dass die derzeitige Reaktion der Mrkte eine deutliche Konjunk-turverschlechterung direkt auslsen knnte, (also erneut eine selbsterfllende Prophe-zeiung auf Basis der skizzierten Teufels-kreis-Dynamik). Eine solche Dynamik knnte wohl nur von den grossen Notenbanken erfolgreich durchbrochen werden. Somit ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass sowohl die US-FED als auch die EZB bald wieder zu massiven In-terventionen speziell Aufkauf von Staats-anleihen im groen Stil gezwungen sein knnten. Ein Q.E. 3-Programm in den USA wird damit zunehmend wahrscheinlich, und selbst die EZB hat gestern diese Mglichkeit wieder ins Spiel gebracht.

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    Marktkommentar

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    Die aktuelle Marktpositionierung ist vor die-sem Hintergrund nicht einfach. Bei einem massiven Eingreifen der Notenbanken (erste Anzeichen in Japan und der Schweiz bereits erkennbar) wren deutliche Markterholungen denkbar. Bis zu einem solchen Moment knnten die Mrkte aber weiterhin revoltie-ren und sogar noch weiter fallen.

    Eine erneute grosse Krise wie nach dem Fall der Lehman-Bank 2008 erscheint der-zeit zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch dieses Risiko sollte vorerst nicht leicht-fertigt ignoriert werden. Die beschriebene negative Systemdynamik kann durchaus zu gefhrlichen Kaskadeneffekten und Black Swan-Effekten fhren. Dagegen spricht, dass Notenbanken, Banken und Regierun-gen aus dem damaligen Szenario gelernt haben und heute im Zweifelsfall wohl schnel-ler und ernsthafter einschreiten wrden.

    Umgekehrt knnten sich, bei idealem Ver-lauf, im zweiten Halbjahr einige der kriti-schen Faktoren bereits wieder verbessern und das Gesamtbild aufhellen. Bis zu einer klaren Besttigung dieser Mglichkeit sollte jedoch eine defensive, abwartende und sehr risikobewusste Positionierung bei-behalten werden.

    Haftungsausschluss:

    Dieser Text dient nur zu Informationszwecken. Er stellt keine Anlageberatung und auch keine Aufforde-rung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, Ter-minkontrakten oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Eine Investitionsentscheidung hat auf Grundlage eines Beratungsgesprchs mit einem qualifizierten Anlage-berater zu erfolgen und auf keinen Fall auf der Grund-lage dieser Information. Potentielle Investoren sollten sich informieren und adquaten Rat einholen bezg-lich rechtlicher und steuerlicher Vorschriften sowie Devisenbestimmungen in den Lndern ihrer Staats-brgerschaft, ihres Wohnorts oder ihres Aufenthalts-orts, die mglicherweise fr die Zeichnung, den Kauf, das Halten, das Tauschen, die Rckgabe oder die Veruerung jeglicher Investments relevant sein knn-ten.

    Historische Performance ist kein Garant fr zuknfti-ge Performance und der Wert eines Investments so-wie die hiervon generierten Ertrge knnen sowohl fallen als auch steigen. Zu-knftige Renditen sind nicht garantiert und ein Verlust des Kapitals ist mglich.

    Alle Angaben und Quellen werden sorgfltig recher-chiert. Fr Vollstndigkeit und Richtigkeit der darge-stellten Information wird keine Gewhr bernommen.

    Die angefhrten Meinungen sind aktuelle Meinun-gen, mit Stand des in diesen Unterlagen aufgefhrten Datums.

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