Waldorflehrer Burnout

  • View
    216

  • Download
    3

Embed Size (px)

DESCRIPTION

Document describing the burnout phenomenon among waldorf teachers.

Transcript

  • Individuelle Initiative und GesundheitIndividuelle Initiative und Gesundheit

    5

    Selbstwirksamkeit und Burn-Out in Waldorfschulen: Ein Werkstattbericht

    Dr. Katrin Kufer / Dr. Ursula Versteegen

    Das Gefhl, dass die eigene Handlung keine nachhaltig positiven Vernderungen bewirkt, ist ein Phnomen, dass sich in allen gesellschaftlichen Bereichen nden lsst. Dieses Gefhl, nichts bewirken zu knnen, wird nicht nur durch globale und gesellschaftliche Probleme wie Klimawandel oder durch geo-politische Krisen ausgelst. Auch in einem Kontext, auf den wir individuell einen hohen Einuss haben wie beispielsweise in Familie und Beruf, wird Handeln oft als reaktiv erlebt oder im extremen Fall als ein Rennen in einem Hamsterrad. Das Gefhl der Erschpfung, Resignation oder Burn-out beschreiben Lehrer, rzte, Kranken-schwestern und Mitarbeiter in Unternehmen. Das Spannungsverhltnis zwischen dem, was man tun knnen msste und dem, was man tatschlich glaubt zu knnen, wird immer grer. Auf Dauer macht dieses Missverhltnis handlungsunfhig etwas kommt ins Stocken und macht krank.

    Der folgende Werkstattbericht basiert auf einem zweijhrigen Projekt der Hannoverschen Untersttzungskassen zum Thema Individuelle Initiative und Gesundheit, im Rahmen dessen zu der Frage des Burn-out Coachings, Befragungen und Projekte in Waldorfschulen durchgefhrt wurden.

    Teil I: Beobachtungen in Waldorfschulen: Beispiele fr Symptome

    ...ging es darum zu ergrnden, wie es trotz groer Begeisterung fr die Arbeit als Klassen- und Fachlehrer immer wieder zu den Gefhlen der Erschpfung, des Ausgebranntseins und der ber-forderung kommen konnte. Wo lag/liegt der Vernderungsbedarf? Wie muss dann die gesunde Vernderung aussehen?

    ... das Gefhl zu versumpfen und dass alles zu viel ist...

    Dies sind Stimmen von Waldorehrern/innen. Sie beschreiben ein Phnomen, das heute in vielen Schulen und nicht nur Waldorfschulen erlebbar ist. Lehrer und Lehrerinnen fhlen sich erschpft, ausgebrannt. Warum es zu dazu kommt, was die Ursachen und systemische Grnde fr Erschpfungszustnde bei Lehrern/innen sind, bildete den Ausgangspunkt dieses Projektes.

    In unseren Gesprchen mit Lehrern/innen rckten, wenn es um Fragen von Burn-out und Stress ging, fnf Themen in den Vordergrund. Diese Themen sind als Momentaufnahmen und nicht als reprsentative Auswertung zu verstehen. Sie bieten Ansatzpunkte zum Verstndnis fr die Situation von Waldorehrern/innen. Diese fnf Themen sind:

  • 61. Selbstorganisation, Fhrung und kollegiale Zusammenarbeit2. Arbeits- und Lebensbalance des/r Lehrers/in (Umgang mit mir selbst)3. Abschlussprfungen an der Schule und der Bezug des Curriculums der Unter- und Mittel-

    stufe zur Oberstufe4. Schleruktuation: wer kommt und wer geht?5. Sinnfrage einer Waldorfschule: Spannung zwischen Innovation und dem Ausgangsmo-

    dell der Waldorfschule

    Selbstorganisation und Fhrung

    .. wrde ich mir sogar wnschen, dass jemand eingestellt wird, der die Schule organisiert. Dafr wrde ich sogar in Kauf nehmen, bei Entscheidungen nicht einbezogen zu werden.

    Nicht der Unterricht, nicht die Schler..., sondern wie die Organisation eher von uns allen stattndet.

    Wir arbeiten fast alle seit ber 10 Jahren zusammen. Wir haben verschiedene Modelle der Schulfhrung ausprobiert. Als wir im gesamten Kollegium die Schule gefhrt haben, hatten wir unendlich lange Sitzungen, aber keiner hat sich verantwortlich gefhlt. Jetzt mit dem Schul-fhrungsgremium fhlen sich die meisten nicht mehr verantwortlich, sie haben das Gefhl, sie wissen nicht mehr, was in der Schule passiert....

    Also, unsere Konferenzen sind ja im Moment auch so strukturiert, dass eigentlich nur noch Punkte abgearbeitet werden und viel Organisatorisches eigentlich nur noch besprochen wird, vieles, was problembehaftet ist und wenig Positives, was da entgegen gesetzt wird.

    Viele Lehrer/innen beschrieben die Aufgabe der Schulfhrung und der kollegialen Zusam-menarbeit als einen hohen Stressfaktor. Konferenzen fhren nicht zu Entscheidungen, Span-nungen zwischen den Kollegen/innen werden nicht aufgearbeitet, es entsteht kein gemein-sames Bild und die kollektive Selbstfhrung fordert einen hohen Zeitaufwand. Die Frage der Schulfhrung und -organisation ist ein zentraler Einussfaktor auf die Arbeits- und Stress-belastung der Waldorehrer. Themen der Selbstorganisation und -fhrung sind:

    Wie kommen wir zu Entscheidungen? Was sind Fhrungskompetenzen, die wir brauchen? Wie organisieren wir uns als Schule? Wie organisieren wir die Konferenzen, die Arbeit in den Gremien? Wie untersttzt man die Weiterentwicklung von Mitarbeiters/innen?

    Arbeits-und Lebensbalance des/r Lehrers/in

    In den Coachinggesprchen beschrieben Lehrer/innen das komplexe Beziehungsnetz, in dem sie stehen. Jeder Lehrer/in steht in einem Spannungsfeld, in dem aus verschiedenen Richtungen Erwartungen und Anforderungen gestellt werden, die auch im unmittelbaren Widerspruch zu einander stehen knnen. Jede Beziehung kann als Belastung oder als Kraft-quelle empfunden werden. Jede der Beziehungsebenen unterscheidet sich stark und fordert

  • Individuelle Initiative und GesundheitIndividuelle Initiative und Gesundheit

    7

    unterschiedliche Fhigkeiten und Kompetenzen. Zudem stehen die verschiedenen Ebenen zuweilen im Konikt miteinander.

    ... ich habe vor Elternabenden Angst. Ich kann die Nacht vorher nicht schlafen. Die Elternarbeit ist das Anstrengendste von allem.

    Die Arbeit mit groen Schlergruppen ist kraftaufwendig. Ich muss in jeder Sekunde unheimlich parat sein. Manchmal komme ich mir vor wie ein Dompteur. Nicht disziplinarisch. Sondern wegen der Frage, wie erreiche ich mit so vielen effektiv ein Ziel?

    Mich kostet die meiste Kraft Eltern und Kollegen.Wenn ich nach Hause komme, bruchte ich eigentlich eine Pause, aber dann geht es gleich weiter mit den eigenen Kindern.

    Wir rennen den nderungen der Schulbehrden hinterher.

    ...die staatlichen Auagen werden immer repressiver.... und werden von den Anforderungen der Eltern gespiegelt.... zustzlich fhren die Bewegungen im Kollegium immer strker zu Reglemen-tierung: es wird immer enger

    Waldorehrer/innen stehen in einem komplexen Beziehungsfeld, das hug widersprchli-che Forderungen stellt. Mindesten vier Beziehungsebenen bilden dieses Spannungsfeld:

    Schler/innen Kollegen/innen Eltern Gesellschaft/Behrden/andere Schulen

    In bezug auf die Lebens- und Arbeitsbalance wurde eine mangelnde Wertschtzung als ein weiterer Faktor benannt. Beispiele dafr sind unbezahlte berstunden, eine niedrige Bezahlung oder Stundenplne, die die persnliche Situation der Lehrer/innen nicht berck-sichtigen. Eine zweite Ebene der Wertschtzung bezieht sich auf die interkollegiale Wert-schtzung: Beispiele sind hier ungleich verteiltes zustzliches Engagement bzw. Aufgaben im Bereich Schulorganisation, Gremienarbeit, etc. also die Entwicklung des Schulganzen. Konikte entstehen zwischen denjenigen, die sich durch diese Aufgaben als berlastet erle-ben und denjenigen, die in bezug auf diesen Aufgabenbereich Grenzen setzen. Nachfolgend einige Beispiele:

    GehaltDas Verhltnis zwischen dem Gehalt und der Arbeitszeit, das stimmt fr mich nicht. Ich wei nicht, wie ich ber die Runden kommen soll. Das macht mich unzufrieden und nimmt mir Kraft.... ich bin seit 20 Jahren im Beruf, aber meine Familie muss mich immer noch monatlich bezuschussen.

    ArbeitszeitIch arbeite bis zum Umfallen. Wie nde ich raus, was mein Rhythmus zwischen Arbeitszeit und Musezeit ist?

  • 8GremienarbeitIch habe lange gebraucht zu sagen, dass ich nicht mehr in die Konferenzen gehen kann. Ich schaffe es nicht und fhle mich nicht mehr in der Lage, aber es grenzt an ein Tabu.

    ...Die Aufgabe wird angeboten wie Sauerbrot. Es kriegt derjenige den Job, der als erster schwach wird, weil er die Unklarheit nicht mehr aushlt und sich dann aufopfert

    Es gibt keine ofzielle Hierarchie sie entwickelt sich inofziell durch die Menge, die man zu-stzlich arbeitet an dem Ganzen ... eine ofzielle klare Hierarchie wre mir lieber wie werden Entscheidungen gefllt?

    Abschlussprfungen Die Verkrzung der Gesamtschulzeit, die anstehende Herausforderung des Zentralabiturs, die steigenden Erwartungen der Eltern wirken als Belastungsfaktoren.

    ... fr das Abitur muss ich Bio-Genetik unterrichten... aber als ich studiert habe, gab es das noch gar nicht...

    ... als fr das Abitur verantwortliche Lehrerin stehe ich manchmal im Konikt mit den Klassen-lehrern. Ich habe den Druck von oben (Abitur) und Klassenlehrer haben diese Prioritt nicht...

    Was ist eigentlich noch Waldorf in der Oberstufe? Wie nehmen wir die Oberstufe wahr? Wo Vernderung in der Struktur, Ausrichtung auf welche Abschlsse?

    In bezug auf die Abschlussprfungen ist die Zusammenarbeit zwischen den Klassenlehrern/innen und der Lehrer/innen der Oberstufe ein Auslser fr Spannungen: Was mssen die Schler/innen am Anfang der 9. Klasse knnen, damit sie ohne Stress und Spannungen zum Schulabschluss gefhrt werden knnen? Wie mssen die Lernprozesse innerhalb der Oberstu-fe verteilt werden, damit es nicht zum Lernstau in Klassen 11 und 12 kommt?

    Ein weiterer Punkt sind Weiterbildungsmglichkeiten der Oberstufenlehrer/innen insbeson-dere in den naturwissenschaftlichen Fchern. Und dann die umfassende Frage danach, in welchem Verhltnis die Anforderungen der externen Prfungen zu dem Sinn und Ziel des Waldorfschulcurriculums und der Waldorfpdagogik stehen?

    Schleruktuation: Wer kommt und wer geht?...in der 4. 5. oder 6. Klasse kommen frustrierte Schler aus der Staatsschule zu uns. In der 9. Klasse gehen viele gute Waldorfschler auf die Staatsschule, weil sie akademisch mehr wollen... in der 5. Klasse knnten wir drei Parallelklassen haben, in der 9. sie wieder zumachen. Rea-gieren wir hier nur mit Wartelisten drauf? Oder hat das was mit dem zu tu