Click here to load reader

Franz Kafka Das Schloß - · PDF fileDigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek Franz Kafka Das Schloß Quelle: NDAL8PCAG/www/digbib.org/Franz_Kafka_1883/Das_Schloss Erstellt am 02.02.2011

  • View
    214

  • Download
    0

Embed Size (px)

Text of Franz Kafka Das Schloß - · PDF fileDigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek Franz...

  • DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek

    Franz Kafka

    Das Schlo

    Quelle: NDAL8PCAG/www/digbib.org/Franz_Kafka_1883/Das_SchlossErstellt am 02.02.2011DigBib.Org ist ein ffentliches Projekt. Bitte helfen Sie die Qualitt der Texte zu verbessern: Falls SieFehler finden bitte bei DigBib.Org melden.

    http://NDAL8PCAG/www/digbib.org/Franz_Kafka_1883/Das_Schlosshttp://www.digbib.org

  • 2

  • Das erste Kapitel

    Es war spt abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. VomSchloberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht derschwchste Lichtschein deutete das groe Schlo an. Lange stand K. auf derHolzbrcke, die von der Landstrae zum Dorf fhrte, und blickte in die scheinbareLeere empor.

    Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, derWirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem spten Gastuerst berrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafenlassen. K. war damit einverstanden. Einige Bauern waren noch beim Bier, aber erwollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den Strohsack vomDachboden und legte sich in der Nhe des Ofens hin. Warm war es, die Bauernwaren still, ein wenig prfte er sie noch mit den mden Augen, dann schlief er ein.

    Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Ein junger Mann, stdtischangezogen, mit schauspielerhaftem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauenstark, stand mit dem Wirt neben ihm. Die Bauern waren auch noch da, einigehatten ihre Sessel herumgedreht, um besser zu sehen und zu hren. Der jungeMensch entschuldigte sich sehr hflich, K. geweckt zu haben, stellte sich als Sohndes Schlokastellans vor und sagte dann: Dieses Dorf ist Besitz des Schlosses,wer hier wohnt oder bernachtet, wohnt oder bernachtet gewissermaen im Schlo.Niemand darf das ohne grfliche Erlaubnis. Sie aber haben eine solche Erlaubnisnicht oder haben sie wenigstens nicht vorgezeigt.

    K. hatte sich halb aufgerichtet, hatte die Haare zurechtgestrichen, blickte dieLeute von unten her an und sagte: In welches Dorf habe ich mich verirrt? Istdenn hier ein Schlo?

    Allerdings, sagte der junge Mann langsam, whrend hier und dort einer denKopf ber K. schttelte, das Schlo des Herrn Grafen Westwest.

    Und man mu die Erlaubnis zum bernachten haben? fragte K., als wolle ersich davon berzeugen, ob er die frheren Mitteilungen nicht vielleicht getrumt htte.

    Die Erlaubnis mu man haben, war die Antwort, und es lag darin ein groerSpott fr K., als der junge Mann mit ausgestrecktem Arm den Wirt und die Gstefragte: Oder mu man etwa die Erlaubnis nicht haben?

    Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen mssen, sagte K. ghnend undschob die Decke von sich, als wolle er aufstehen.

    Ja von wem denn? fragte der junge Mann.

    Vom Herrn Grafen, sagte K., es wird nichts anderes brigbleiben.

    Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Grafen holen? rief der jungeMann und trat einen Schritt zurck.

    Ist das nicht mglich? fragte K. gleichmtig. Warum haben Sie mich alsogeweckt?

    Nun geriet aber der junge Mann auer sich. Landstreichermanieren! rief er.Ich verlange Respekt vor der grflichen Behrde! Ich habe Sie deshalb geweckt,um Ihnen mitzuteilen, da Sie sofort das grfliche Gebiet verlassen mssen.

    Genug der Komdie, sagte K. auffallend leise, legte sich nieder und zog dieDecke ber sich. Sie gehen, junger Mann, ein wenig zu weit, und ich werdemorgen noch auf Ihr Benehmen zurckkommen. Der Wirt und die Herren dort sindZeugen, soweit ich berhaupt Zeugen brauche. Sonst aber lassen Sie es sichgesagt sein, da ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen.

    3

  • Meine Gehilfen mit den Apparaten kommen morgen im Wagen nach. Ich wolltemir den Marsch durch den Schnee nicht entgehen lassen, bin aber leidereinigemal vom Weg abgeirrt und deshalb erst so spt angekommen. Da es jetzt zuspt war, im Schlo mich zu melden, wute ich schon aus eigenem, noch vor IhrerBelehrung. Deshalb habe ich mich auch mit diesem Nachtlager hier begngt, daszu stren Sie die - gelinde gesagt - Unhflichkeit hatten. Damit sind meineErklrungen beendet. Gute Nacht, meine Herren. Und K. drehte sich zum Ofenhin.

    Landvermesser? hrte er noch hinter seinem Rcken zgernd fragen, dann warallgemeine Stille. Aber der junge Mann fate sich bald und sagte zum Wirt in einemTon, der genug gedmpft war, um als Rcksichtnahme auf K.s Schlaf zu gelten, undlaut genug, um ihm verstndlich zu sein: Ich werde telefonisch anfragen. Wie,auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus? Man war vorzglich eingerichtet. Imeinzelnen berraschte es K., im ganzen hatte er es freilich erwartet. Es zeigte sich,da das Telefon fast ber seinem Kopf angebracht war, in seiner Verschlafenheithatte er es bersehen. Wenn nun der junge Mann telefonieren mute, dann konnteer beim besten Willen K.s Schlaf nicht schonen, es handelte sich nur darum, obK. ihn telefonieren lassen sollte, er beschlo, es zuzulassen. Dann hatte es aberfreilich auch keinen Sinn, den Schlafenden zu spielen, und er kehrte deshalb indie Rckenlage zurck. Er sah die Bauern scheu zusammenrcken und sichbesprechen, die Ankunft eines Landvermessers war nichts Geringes. Die Tr derKche hatte sich geffnet, trfllend stand dort die mchtige Gestalt der Wirtin, auf denFuspitzen nherte sich ihr der Wirt, um ihr zu berichten. Und nun begann dasTelefongesprch. Der Kastellan schlief, aber ein Unterkastellan, einer derUnterkastellane, ein Herr Fritz, war da. Der junge Mann, der sich als Schwarzervorstellte, erzhlte, wie er K. gefunden, einen Mann in den Dreiigern, rechtzerlumpt, auf einem Strohsack ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack alsKopfkissen, einen Knotenstock in Reichweite. Nun sei er ihm natrlich verdchtiggewesen, und da der Wirt offenbar seine Pflicht vernachlssigt hatte, sei es seine,Schwarzers, Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen. DasGewecktwerden, das Verhr, die pflichtgeme Androhung der Verweisung aus derGrafschaft habe K. sehr ungndig aufgenommen, wie es sich schlielich gezeigthabe, vielleicht mit Recht, denn er behaupte, ein vom Herrn Grafen bestellterLandvermesser zu sein. Natrlich sei es zumindest formale Pflicht, die Behauptungnachzuprfen, und Schwarzer bitte deshalb Herrn Fritz, sich in der Zentralkanzleizu erkundigen, ob ein Landvermesser dieser Art wirklich erwartet werde, und dieAntwort gleich zu telefonieren.

    Dann war es still, Fritz erkundigte sich drben, und hier wartete man auf dieAntwort. K. blieb wie bisher, drehte sich nicht einmal um, schien gar nichtneugierig, sah vor sich hin. Die Erzhlung Schwarzers in ihrer Mischung vonBosheit und Vorsicht gab ihm eine Vorstellung von der gewissermaendiplomatischen Bildung, ber die im Schlo selbst kleine Leute wie Schwarzer leichtverfgten. Und auch an Flei lieen sie es dort nicht fehlen; die Zentralkanzlei hatteNachtdienst. Und gab offenbar sehr schnell Antwort, denn schon klingelte Fritz.Dieser Bericht schien allerdings sehr kurz, denn sofort warf Schwarzer wtend denHrer hin. Ich habe es ja gesagt! schrie er. Keine Spur von Landvermesser, eingemeiner, lgnerischer Landstreicher, wahrscheinlich aber rgeres. EinenAugenblick dachte K., alle, Schwarzer, Bauern, Wirt und Wirtin, wrden sich auf ihnstrzen. Um wenigstens dem ersten Ansturm auszuweichen, verkroch er sich ganzunter die Decke. Da lutete das Telefon nochmals, und, wie es K. schien,besonders stark. Er steckte langsam den Kopf wieder hervor. Obwohl esunwahrscheinlich war, da es wieder K. betraf, stockten alle, und Schwarzer kehrtezum Apparat zurck. Er hrte dort eine lngere Erklrung ab und sagte dann leise:

    4

  • Ein Irrtum also? Das ist mir recht unangenehm. Der Brochef selbst hattelefoniert? Sonderbar, sonderbar. Wie soll ich es dem Herrn Landvermessererklren?

    K. horchte auf. Das Schlo hatte ihn also zum Landvermesser ernannt. Das wareinerseits ungnstig fr ihn, denn es zeigte, da man im Schlo alles Ntige ber ihnwute, die Krfteverhltnisse abgewogen hatte und den Kampf lchelnd aufnahm. Eswar aber andererseits auch gnstig, denn es bewies, seiner Meinung nach, da manihn unterschtzte und da er mehr Freiheit haben wrde, als er htte von vornhereinhoffen drfen. Und wenn man glaubte, durch diese geistig gewi berlegeneAnerkennung seiner Landvermesserschaft ihn dauernd in Schrecken halten zuknnen, so tuschte man sich; es berschauerte ihn leicht, das war aber alles.

    Dem sich schchtern nhernden Schwarzer winkte K. ab; ins Zimmer des Wirteszu bersiedeln, wozu man ihn drngte, weigerte er sich, nahm nur vom Wirt einenSchlaftrunk an, von der Wirtin ein Waschbecken mit Seife und Handtuch undmute gar nicht erst verlangen, da der Saal geleert wurde, denn alles drngte mitabgewendeten Gesichtern hinaus, um nicht etwa morgen von ihm erkannt zuwerden. Die Lampe wurde ausgelscht, und er hatte endlich Ruhe. Er schlief tief,kaum ein-, zweimal von vorberhuschenden Ratten flchtig gestrt, bis zum Morgen.

    Nach dem Frhstck, das, wie berhaupt K.s ganze Verpflegung, nach Angabe desWirts vom Schlo bezahlt werden sollte, wollte er gleich ins Dorf gehen. Aber dader Wirt, mit dem er bisher in Erinnerung an sein gestriges Benehmen nur dasNotwendigste gesprochen hatte, mit stummer Bitte sich immerfort um ihnherumdrehte, erbarmte er sich seiner und lie ihn fr ein Weilchen bei sichniedersetzen.

    Ich kenne den Grafen noch nicht, sagte K., er soll gute Arbeit gut bezahlen,ist das wahr? Wenn man, wie ich, so weit von Frau und Kind reist, dann will manauch etwas heimbringen.

    In dieser Hinsicht mu sich der Herr keine Sorge machen, ber schlechteBezahlung hrt man keine Klage. - Nun, sagte K., ich gehre ja nicht zu denSchchternen und kann auch einem Grafen meine Meinung sagen, aber in Friedenmit den Herren fertig zu werden ist natrlich weit besser.

    Der Wirt sa K. gegenber am Rand der Fensterbank, bequeme

Search related