15. 12. 2013 PROT E TE X Ausgabe 55 ?· Kirchenhistoriker Karl-Georg Faber erste „Überlegungen zur…

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    18-Sep-2018

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  • rntedankfest 1933 die abge-bildete Postkarte mit den h-rengebinden in Hakenkreuz-

    form habe ich in einem Akten-schrank des Oggersheimer Pfarrb-ros entdeckt, nachdem ich dort mei-ne erste Gemeindepfarrstelle ange-treten hatte. Die Karte war offenbarber Jahrzehnte bersehen worden.Als ich einige Jahre spter begonnenhabe, mich mit der Geschichte derEvangelischen Akademie der Pfalzzu beschftigen, bin ich wieder aufein vergessenes Relikt der NS-Zeitgestoen: 1961 bis 1968 leitete CarlSchneider die Evangelische Akade-mie. Der ehemalige Rigaer und K-nigsberger Theologieprofessor warals Akademiedirektor und ausgewie-sener Hellenismus-Spezialist hochgeschtzt. 1974 erhielt er das Bun-desverdienstkreuz. Weniger bekanntist, dass Schneider whrend der NS-Zeit als Mitglied des EisenacherIns ti tuts zur Erforschung und Be-seitigung des jdischen Einflussesauf das deutsche kirchliche Lebenan der Umdeutung der christlichenTheologie in eine antisemitischeIdeologie beteiligt war. Die kritischeAuseinandersetzung mit Schneiderbeschrnkt sich bisher fast aus-schlielich auf einen englischspra-chigen Zeitschriftenbeitrag. Die bei-den Beobachtungen werfen Fragenauf: Wie gut hat die pflzische Lan-deskirche ihre NS-Vergangenheitaufgearbeitet?

    Nach 1945 dominierten wie inder Nachkriegsgesellschaft insgesamt Verdrngungsmechanismen. DieEntnazifizierungsprozesse warenauch in der Kirche von dem Wunschgeprgt, mglichst schnell und kon-fliktarm zur Normalitt zurckzukeh-ren. Es dauerte fast 30 Jahre, bis derKirchenhistoriker Karl-Georg Fabererste berlegungen zur Geschichteder pflzischen Landeskirche unter

    dem Nationalsozialismus anstellte.1995 verffentlichte Hans Reichratheine Biografie ber den pflzischenLandesbischof Ludwig Diehl, derseit 1927 der NSDAP angehrt hatte.1997 zeigte dann der katholischeKirchenhistoriker Thomas Fandel ineiner umfangreichen Arbeit berKonfession und Nationalsozialis-mus, wie gro die berschneidun-gen zwischen protestantischem undnationalsozialistischem Milieu inder Pfalz waren. Ein differenziertesSelbstbild ber die eigene Rolle inder NS-Zeit hat die Landeskirche al-lerdings noch nicht entwickelt.

    Es entspricht blichen Rhythmenvon Erinnerungskultur und Zeitge-schichtsforschung, dass die Landes-kirche erst jetzt an eine systemati-sche Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit geht. Was der US-Historiker Timothy Snyder ganz all-gemein bemerkt hat, gilt auch fr diepflzische Regionalkirchengeschich-te: Historisch bin ich berzeugt,dass wir die ersten 60 Jahre sowieso

    nie etwas verstehen. Alle Beteiligtenmssen tot und alle Quellen zugng-lich sein, und dann brauchen wir im-mer noch viel Zeit, um alles zudurchdenken. Das derzeit unter Fe-derfhrung der Akademie im Entste-hen begriffene Handbuch zur Ge-schichte der pflzischen Landeskir-che in der NS-Zeit wird Anfang2015 erscheinen. Es zeichnet sichdas Bild einer Kirche ab, die sich imSog der allgemeinen Begeisterungfr den Nationalsozialismus in denJahren 1933 und 1934 innerhalb we-niger Monate fast komplett selbstgleichschaltete und sich offen undfreudig zum Dritten Reiche AdolfHitlers bekannte. Eine entscheiden-de Rolle spielte dabei die Einscht-zung, dass man mit den Nationalso-zialisten zwei groe gemeinsameGegner habe: die politische Linkeund den angeblich auf kulturelle Do-minanz abzielenden Katholizismus.Einig glaubte man sich auch in derkonsequenten Bezugnahme auf Volkund Nation. In der Folgezeit hatte

    die Landeskirche der totalitren, ras-sistischen und expansionistischenPolitik des Regimes kaum etwas ent-gegenzusetzen. Zwischen den libera-len und den orthodoxen Strmungeninnerhalb der Landeskirche gab esdabei keine signifikanten Unter-schiede. Auch die innerkirchlicheOpposition, die sich gegen eine Ein-gliederung in die Reichskirche aus-sprach, verhielt sich in politischerHinsicht weitgehend systemkon-form. Vereinzelte Konflikte konnteder kirchlich wie parteipolitischausge zeichnet vernetzte Diehl ge-schmeidig ausbalancieren. Korrek-turbedrftig ist zumindest fr diePfalz das Bild einer prinzipiell kir-chenfeindlichen Politik des NS-Re-gimes. Zwar gab es sptestens seit1940 deutliche Einschrnkungen undBehinderungen. Fr viele Bereichekirchlichen Handelns lsst sich aberzugleich ein Bild erstaunlicher Nor-malitt zeichnen. Das gilt nicht zu-letzt fr die gute finanzielle Ausstat-tung der Landeskirche.

    Die absehbaren Forschungsergeb-nisse werfen die Frage nach einerkritischen kirchlichen Erinnerungs-kultur auf. Neben Referenzereignis-sen wie der Speyerer Protestationoder der Kirchenunion gehren auchdie Erfahrungen des Versagens in derNS-Zeit zur Identitt der Landeskir-che. Hier zeigen sich die Gefhrdun-gen einer konsensorientierten, vonpersnlichen Beziehungen geprgten,staatsnahen Landeskirche. Wie sichdas kritische Potenzial des Christen-tums gegenber gesellschaftlichenFehlentwicklungen weitertradierenund ntigenfalls zur Geltung bringenlsst, bleibt eine Zukunftsaufgabe.Sie ist nicht nur fr die Kirche, son-dern auch fr die Sicherung vonMenschenwrde und freiheitlicherDemokratie von wesentlicher Bedeu-tung. Christoph Picker

    Postkarte zum Erntedankfest 1933: Hakenkreuz-Gebinde im Altarraum der Mar-kuskirche Oggersheim. (Foto: Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz)

    Erinnerungskulturund ZeitgeschichteHandbuch der Landeskirche im Nationalsozialismus

    In dieser Ausgabe:

    Toleranz und ihre Grenzen

    Kirchengeschichte und Nationalsozialismus

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    PROTE TEAusgabe 55

    A U S D E R E V A N G E L I S C H E N A K A D E M I E D E R P F A L Z

    15. 12. 2013 X

  • Luitpoldstrasse

    Toleranz boomt. Zumindest als Wort.Sein gegenwrtiger Gebrauch ten-diert ins Inflationre. Konzeptionellentsteht dadurch die Gefahr des Be-deutungsverlustes auf der einen undder Dikreditierung se-riser Anliegen auf deranderen Seite. Dochmeinen alle das Glei-che, wenn sie den Be-griff verwenden? berdie Beschftigung mitder Bedeutungsvern-derung im Laufe derGeschichte lsst sichder Blick fr die ge-genwrtigen Erforder-nisse schrfen.

    Whrend seiner langen Anwen-dungsgeschichte erfuhr der Begriffsignifikante Umdeutungen. Eine derfrhen Modifikationen ersetzte denselbstreferenziellen Bezug durch deninterpersonellen. Im antiken Romwar das Subjekt von tolerare der-jenige, der bewusst und affirmativLeiden ertrug. Diesen stoischen Ge-danken adaptierten die verfolgtenChristen der ersten Jahrhunderte, de-ren Weigerung, den Opferkult mitzu-vollziehen, als Strung der ffentli-chen Ordnung zur Verurteilung fhr-te. Nach der Anerkennung des Chris-tentums als Staatsreligion wendetesich die Aufmerksamkeit den Ausei-nandersetzungen um christliche H-resien zu. Welche Haltung solltendie Trger der neuen einzigen Wahr-heit ihnen gegenber einnehmen?

    Augustinus rckte die sozialeOrdnung in den Vordergrund und ori-entierte tolerare am anderen Men-schen: am sndigen Christen, an Ju-den und an Prostituierten. Um derGesellschaftsordnung willen solltensie vor Verfolgung verschont werden.Dieser Griff nach dem geringerenbel aushalten statt tten galtunterdessen nicht fr theologischeAbweichler. Da ihnen die Himmels-pforte verschlossen bleibe, sei esPflicht eines jeden Christen, sie zubelehren und auf den wahren Weghinzuweisen und sei es mit Gewalt.

    Thomas von Aquin unterschiedzwischen Heiden und Juden auf dereinen Seite und Hretikern auf deranderen. Sein Eintreten gegenZwangstaufen bei gleichzeitiger For-derung der Todesstrafe fr Hretikerfindet in seiner ArgumentationslogikAnalogien im Islam: Whrend eskeinen Zwang im Glauben respekti-ve bei der Glaubensannahme gebendarf, wird die bewusste Abkehr als

    Editorial Begriffsgeschichte Toleranz

    Akademiedirektor Christoph Picker.

    Im ausklingenden Themenjahr derReformationsdekade zur Toleranzwurde nicht nur ein Loblied dieserBrgertugend gesungen, es war im-mer wieder auch von der Ableh-nungskomponente und den Grenzender Toleranz die Rede (Seiten 3 und6). Das ist richtig so. Gegenbermenschenverachtenden Ideologienund Gruppierungen sind deutlicheSignale erforderlich sowohl im f-fentlichen Diskurs als auch durchRechtssetzungen. Es ist befreiend,dass der Bundesrat nun ein NPD-Verbotsverfahren auf den Weg bringt sorgfltig vorbereitet, denn dieParteienfreiheit ist ein hohes Rechts-gut, dessen Einschrnkung gute Ar-gumente verlangt. Die NPD knpftprogrammatisch und ikonografischan den Nationalsozialismus an. Sieinfiltriert Jugendkulturen mit antide-mokratischem Gedankengut. NPD-Mitglieder sind in berdurchschnitt-lichem Ma in Straftaten verwickelt.Die NSU-Morde sind hierfr ein be-sonders drastisches Beispiel. DieNPD verdient weder Toleranz nochRechtsschutz als politische Partei.

    Die historischen Erfahrungen derEvangelischen Kirche der Pfalz le-gen einen besonders sensiblen Um-gang mit dem Rechtsextremismusnahe. 1933 und 1934 gewann die na-tionalsozialistische Ideologie auchim Protestantismus schnell die Ober-hand. Der antisemitischen, rassisti-schen und aggressiven Politik desNS-Regimes hatte die Kirche bis1945 nur wenig entgegenzusetzen.Nach 1945 beteiligten die Kirchensich zwar aktiv am Aufbau einer de-mokratischen Gesellschaft. Die be-lastete Vergangenheit wurde jedochzunchst kaum aufgearbeitet (siehe

    Mittelseiten). Umso mehr ist heuteKlarheit angebracht, nicht nur imBlick auf das NPD-Verbot. AuchAlltagsantisemitismus und Alltags-rassismus sind mit einer christlichenGrundhaltung nicht vereinbar. Dasantijdische Potenzial in manchenbiblischen Texten erfordert einenkritischen Blick. Die Parteinahmefr bedrngte Christen im Nahen Os-ten und Kritik an der Politik der isla-misch geprgten Regionalmchteund Israels muss sich vor Stereoty-pen hten. Ntig ist vor allem einnachhaltiger Beitrag der Kirchen zurStrkung der demokratischen Kulturin Deutschland auch durch die po-litische Bildungsarbeit der Evangeli-schen Akademien. Was das bedeutet,diskutieren wir im Themenjahr derReformationsdekade zu Reformati-on und Politik besonders

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