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Zeha-Sportschuhe: „Wir waren sportgerechter“...ze ic h e n : v ie r S tre ife n . N a c h e in e r R e k la m a tio n v o n A d id a s w u rd e d ie p a ra lle le A n o rd n u

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Text of Zeha-Sportschuhe: „Wir waren sportgerechter“...ze ic h e n : v ie r S tre ife n . N a c h e in e...

  • Im Jahr 1950 trat der 1925 geboreneKarl Häßner in die väterliche Schuhfa-brik Carl Häßner Hohenleuben ein undleitete diese zusammen mit seinem Vaterund zwei Schwagern die nächsten zwan-zig Jahre. Die Fabrik wurde 1897 durchHäßners Großvater Karl Hermann EduardHässner (1862 – 1935) als kleine Ferti-gung für Hausschuhe gegründet und warkontinuierlich gewachsen.

    Um 1900 beschäftigte man schonzehn Mann und arbeitete mit Transmis-sionsriemen. Durch eine Fotografie von1925, auf der rund sechzig Personen zusehen sind, ist auch der Markenname„Zeha“ (abgeleitet von den Initialen vonCarl Häßner) seit dieser Zeit belegt. Nachder Zwangsenteignung 1972 blieb KarlHäßner noch ein Jahr im nunmehr volks-eigenen Betrieb Spezialsportschuhe Hohenleuben, bevor er einen neuen Ein-satzbereich als Leiter der „Erzeugnis-gruppe Sportschuhe“ fand. Hier arbeite-te er bis zur Wiedervereinigung, die eineRiesenenttäuschung brachte: Die bean-tragte Rückerstattung des Betriebes undder Warenzeichenrechte wurde von derTreuhand verweigert. Den Zuschlag be-kamen stattdessen die VEB-Genossen,die die neue Zeha-Schuhfabrik GmbHzügig herunterwirt-schafteten. Bei Über -nahme sämtlicherGmbH-Schulden von5 Mio. DM hätte Häßner das Unterneh-men nun „haben“ können, was für ihnnatürlich unmöglich war. Der Betriebwurde geschlossen, ein Investor soll dieLiegenschaft unlängst gekauft haben.Seit 2003 werden unter dem Namen„Zeha“ erneut Schuhe produziert, aller-dings ganz ohne Beteiligung der Grün-derfamilie. Zwei Berliner Jung -unternehmer haben sich verschiedenePatente und die Markenrechte gesichert

    und stellen seither in Kleinserien Sport-schuhe im DDR-Retro-Look her.

    Herr Häßner, als Sie 1950 in die väterlicheFabrik einstiegen, war diese ein Privatbe-trieb. Welchen Spielraum hatten Sie imSozialismus?

    Karl Häßner: Einmal kam die VVB, dieVereinigung Volkseigener Betriebe, die

    es dann gabund wollte daetwas lenkende i n g r e i f e n .Aber unterBerücksichti-

    gung der politischen Situation konntenwir im Prinzip weitestgehend frei ent-scheiden.

    Sie haben dann von Arbeitsschuhen baldauf Sportschuhe umgestellt …

    Mein Vater war erster Vorsitzendervom 1. FC Thüringen Weida, damals einsehr bekannter Fußballclub. Einer meinerSchwager und ich selbst waren begeis -terte Fußballspieler. Da wir alle keine

    passenden Schuhe hatten, fingen wir um1950 an, welche herzustellen. Aus denwenigen wurden mehr, bis wir sie auchauf der Submission vorgestellt haben.Das war die Branchenmesse für den Be-darf im Inland DDR, im Unterschied zurLeipziger Messe, die für das Ausland ge-dacht war.

    Welches Geschäft interessierte sich zu-erst für Ihre Zeha-Fußballschuhe?

    Das lief alles über den GroßhandelDeutsche Handelszentrale. Dazu kamenein paar sogenannte Sonderbedarfsträger,der „Konsum“, eine Zeit lang auch nochWarenhäuser, die einkaufen durften. Ein-zelgeschäfte durften das nicht. Trotzdemsprach sich schnell herum, wenn einerattraktive Ware hatte. Dann stürzte sichalles auf diesen Betrieb. Andere hattenmanchmal am Ende nichts verkauft.Auch das gab’s in der DDR. Die bekamendann später … was weiß ich, einenZwangsauftrag.

    M A R K T & B E T R I E B

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    Karl Häßner, Enkel des Firmengründers von Zeha, war von 1950 an Mitbesitzer der Schuhfabrik

    Carl Häßner Hohenleuben, bis der Betrieb 1972 verstaatlicht wurde. Im Jahr 2009 traf Nike Breyer

    den Anfang 2017 verstorbenen Karl Häßner am Gründungsort Weida in Thüringen und hatte

    Gelegenheit, mit ihm über Wettbewerb, Markenbewusstsein und Handlungsspielräume für Privat-

    unternehmer in der DDR zu sprechen. VON NIKE BREYER

    Zeha-Sportschuhe: „Wir waren sportgerechter“

    Karl Häßner im Jahr 2009 mitdem Familienwappen. Von 1950bis zur Zwangsenteignung 1972leitete er mit seinem Vater undzwei Schwagern die 1897 ge-gründete Schuhfabrik, derenSportschuhe einen legendärenRuf genossen. (Foto: M. Hoppe)

    Mit dem Nockenschuhlagen wir zeitlich vorAdidas und Puma.

  • Stellten um 1950 auch andere DDR-Be-triebe Fußballschuhe her?

    Die Firma Mücklich in Dresden bei-spielsweise. Auch Vorwärts in Weißen-fels hat um 1957, 1958 eine Zeit langFußballschuhe produziert. 1957 kamdann die Schraubstollenproblematik aufund auch der neue Nockenschuh. Damitlagen wir übrigens zeitlich vor Adidasund Puma. Unsere Besonderheit war dieVielzahl der Formen, vielleicht 20 bis 25.Wir hatten etwa auch Winkel. Das warideal für trockenes, hartes Untergrund-gelände.

    Solche Entwicklungen wurden staatlichgesteuert?

    Absolut nicht. Jetzt muss ich michmal loben: Ich war ja nicht nur Chef undJunior, ich hab bei uns auch sämtlicheEntwicklungen gemacht. Das dauertenicht lange, da war ich beim deutschenTurn- und Sportbund und habe die Kon-takte zu den Leitenden geknüpft. Allebrauchten irgendwelche besonderenSchuhe. Daraus ergab sich, dass wir amEnde eine Vielzahl von Modellen mach-ten. 1956 hat uns die VVB dann von heu-te auf morgen auch noch die Spikes

    übertragen und es hieß, jetzt machst dudie 23000 Paare im Jahr noch mit. Dafürmussten wir anderes streichen. So ergabsich die totale Spezialisierung – mit dendrei Säulen Fußballschuhe, Leichtathletikkomplett und der ganze Bereich Trai-ningsschuhe.

    Gab es so etwas wie Wettbewerb? Oderwar es unsolidarisch, so zu denken?

    Das gab es durchaus. Ein Beispiel: Ilmia, damals unser direkter Konkurrent inStadtilm, hat einmal im Stillen auf einerSubmission unsere Koffer aufgemacht

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    Schuh Gilbert, Dutenhofen

    Bis Mitte der Siebzigerjahre gab es auch im Arbeiter- und Bauernstaat DDRnoch privat geführte Unternehmen. Die Sportschuhfabrik Carl Häßner produ-zierte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren qualitativ hochwertige Fußball-schuhe, die der DDR im Export die begehrten Devisen brachten. Ihr Marken -zeichen: vier Streifen. Nach einer Reklamation von Adidas wurde die paralleleAnordnung (Abb. links: Produktprospekt, um 1950) in die markante Schrägstel-lung der Streifen (Foto rechts: Zeha-Sportschuh, um 1975) geändert, die bisheute ihr Markenzeichen geblieben sind.

  • und jeden unserer Schuhe fotografiert.Ilmia hatte vielleicht eine etwas besserehandwerkliche Qualität. Aber wir warensportgerechter. Da hatten wir immer dieNase vorn. Andererseits war es aber so,dass zwischen den Betrieben, in derMehrzahl würde ich sagen, ein harmoni-sches Verhältnis der Zusammenarbeitherrschte. Das widerspricht sich jetzt einbisschen, war aber so, da der Bedarf nieabgedeckt werden konnte und es in derDDR keine Verkaufsprobleme gab.

    Waren Markennamen damals durchgän-giges Prinzip?

    Würde ich sagen. Das war vielleichtauch ein bisschen beeinflusst durchmich, als Leiter der Erzeugnisgruppe.Wenn man etwas hatte, was schön war,musste man nicht alles aufzählen, son-dern sagte nur Ilmia, Zeha, und dasgenügte.

    Gab es auch Werbung? Die war in der DDR kurze Zeit mal er-

    laubt, im Prinzip aber verpönt und dannauch gesetzlich wieder verboten. MitAusnahme für die Betriebe, die expor-tierten, so wie wir. Wir waren auch dereinzige Exportbetrieb in dem Bereich,glaube ich, zumindest anfänglich. Ichwar 1953 und 1954 ja in der Bundesre-publik, in Kleve bei der Firma Bause Kin-derschuhe. Dorthin bin ich damalsdurchgebrannt, als im Zuge des 17. Juniunser Betrieb liquidiert werden sollte.Ich kam dann aber aus verschiedenenGründen nach einem Jahr wieder zurück.Damit begann trotz erheblicher Problemeeine gute Zeit. Wir haben die Produktionerhöht, es ging ständig nach oben. Bei-spielsweise wurden wir Olympia-Ausrüs -ter. Ich habe auch den Export organisiertund aufgebaut.

    Wohin haben Sie exportiert? Im Prinzip nur nach Westen, in rund

    sechzig sogenannte kapitalistische Län-der. Das war ja das Interessante für denStaat, dass er da Devisen bekam. Davonhaben wir aber nichts gesehen. Denn daslief komplett über den staatlichen Indus -trie-Außenhandel DIA, die das um -gerechnet haben. Wir bekamen denDDR-Wert, der bei jedem Betrieb unter -schiedlich war. Wir lagen sehr gut, in-dem wir mit unserem Produkt ungefähr85 Prozent des Westwertes erlösten. Ein-mal haben wir auch die russische Fuß-ballnationalmannschaft, die dann Euro-pameister wurde, direkt im Betriebausgerüstet. Auch die Bulgaren bekameneinmal Schuhe für eine Olympiade. Damithatte ich die Chance, dass ich viel unter-wegs sein konnte. Ich war zwei oder dreiMal in der Bundesrepublik mit dem Autound in Belgien, Holland, England undDänemark mit dem Flugzeug.

    Hat man auch für die Inlandmessen Pro-duktinformationen herausgegeben?

    Das war jedem überlassen, wie er sei-nen Messestand gestaltet, solange er

    nicht gegen die Idee des Sozialismus ver-stieß. Ich habe mal ein paar Jahre dieFirma Bause aus Kleve mit vertreten, ausDankbarkeit. Das musste ich dann aberauf Druck von oben einstellen.

    Haben Sie in Ihrem „Exil-Jahr“ bei Bause indie Produktion reingeschaut?

    Ja, komplett! Ich war der Assistentvom Betriebsleiter. Das war eine guteZeit. Es gab viele Aufträge, viel Arbeit.Ich musste auch REFA machen, dieseZeitaufnahmen. Das war für mich sehrlehrreich.

    Ihre Schuhe hatten eine richtige Logo-Optik. Wurde die Bedeutung des Looks inder DDR damals wahrgenommen?

    In der Frühzeit um 1952, 1953 herumversuchten viele, ein bestimmtes Ausse-hen zu haben. Vorbild waren sicher Adi-das und Puma, auch bei uns. Aber wirhatten schon ein solches Markenzeichen,wenn auch nicht eingetragen.

    Mit vier Streifen? Das war der Vorläufer. Als wir 1954

    diese Schuhe das erste Mal auf der Mes-se Leipzig ausgestellt hatten, kam einHerr Krause von Adidas, reichte mir dieVisitenkarte und sagte, bis heute Abendsind bitte diese Schuhe entfernt oder Siebekommen die allergrößten Schwierig-keiten. Daraus ergab sich dann ein Disputund Schriftwechsel, an dessen Ende wiruns geeinigt und zugleich „Zeha“ waren-zeichenrechtlich haben schützen lassen.Ohne Kommission und ähnliches habeich die Stellung der Streifen dann soerdacht, wie sie hinterher geblieben sind.Warum, weiß ich auch nicht mehr. Dashat mir gefallen. Als Adidas Zeichnun-gen schickte, die mir durch ihren Model-leur drei oder vier Vorschläge gemachthatten, habe ich geantwortet, dass ichdas schon alleine gemacht habe. Damitwar unser Krieg ausgestanden. Wir habenvorher auch einmal vereinbart, dass wirzusammenarbeiten wollen. Ist aber da-mals nie passiert. �

    MA R K T & B E T R I E B

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    K U L M B A C H E RS C H Ä F T E F A B R I K

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    Außenansicht der ehemaligen Zeha-Fabrik im Jahr 2009. (Foto: M. Hoppe)